Ein tiefes Glücksgefühl erfüllte ihn, als er sein Haus betrat, dort saß, wie so oft, Frau Friederike im Wohnzimmer. Am Ofen standen die drei tapferen Sänger, und der Pfarrer trat zu ihnen und küßte die klaren Stirnen, »ich danke euch,« sagte er, »ihr habt mir eine große Freude bereitet.«
Den dreien war es, als wäre der größte Reichtum der Welt ihnen zu eigen geworden, ja so groß erschien ihnen der Dank, daß sie ganz beschämt waren. Luise hatte nur den einen Kummer, den, daß Walter nicht dabei gewesen war. Der aber saß in seines Vaters Arbeitszimmer, denn was er seinem Vater zu sagen hatte, vertrug keines andern Gegenwart. Als Frau von Seeheim mit Renate und Hans-Heinrich das Pfarrhaus verlassen hatte, ging der Geistliche in sein Zimmer. Dort fand er den Sohn, dessen Abkehr sein tiefster Schmerz gewesen war. Schluchzend sank Walter in des Vaters Arme, er wollte sprechen, aber er konnte es nicht. Und der Vater verstand die stumme Bitte wohl, in dieser Stunde wurde es klar zwischen ihnen beiden, und Walter wußte nun, daß er in seinem Vater seinen treuesten Freund besaß.
11. Kapitel.
Die Folgen einer Predigt.
Am nächsten Tage wurde der französische Offizier auf dem kleinen Kloningkener Friedhof zur Ruhe bestattet. In ihren Feierkleidern folgten alle Dorfbewohner, auch Frau von Seeheim ging hinter dem Sarge des Franzosen, nur Stasiu Wietak fehlte. Es war eine kurze, stille Feier, dann wurde der Hügel mit Tannenreis bedeckt. Die Kloningkener vergaßen aber nicht den fremden Mann, der bei ihnen ausruhte von seinen schweren Leiden. Lange, lange Jahre wurde sein Grab mit Blumen geschmückt, das ein einfaches Holzkreuz bezeichnete.
Es war ein Jahr voll Hoffen und Zagen, das Jahr eintausendachthundertunddreizehn. In den ersten Wochen des Jahres durchschwirrten oft die seltsamsten Botschaften das Land. Einmal hieß es: Der König sei tief erzürnt über die eigenmächtige Handlung des Generals von York, und die Kunde wirkte wie ein eisiger Wasserstrahl auf die Flammen der Begeisterung. Dann wieder ging von Mund zu Mund das Gerücht, es sei nicht wahr, der General hätte mit seiner Tat nur des Königs Willen vollführt. Auch nach Kloningken drangen die verschiedensten Gerüchte, und sie wurden, wie überall, lebhaft besprochen. Jetzt aber kamen die Männer ins Pfarrhaus mit ihren Hoffnungen und Befürchtungen, und der Pfarrer konnte es jeden Tag von neuem merken, daß das alte Vertrauen wiederhergestellt war.
Einmal im Februar kam Freiherr Franz nach Kloningken, und er erzählte dem Pfarrer, es seien Erkundigungen nach ihm eingezogen worden, irgend jemand habe eine Anzeige gemacht, er reize seine Gemeinde durch seine Reden auf. Daraufhin setzte Magister Richter ein Schreiben auf, worin gesagt wurde, daß kein ehrlicher Mann in der Gemeinde Grund habe, sich über den Pfarrer zu beklagen. Der Magister schrieb die Namen aller Dorfbewohner darunter, und jeder machte zum Zeichen seiner Einwilligung drei Kreuze daneben, nur Daniel Romeike, der Schulze war, konnte seinen Namen schreiben, auch die gnädige Frau von Seeheim unterschrieb. Nachdem war alles still, keine Untersuchung, kein Tadel folgte, man wußte wohl, man konnte das Gären im Volke nicht dämmen. Von jener Zeit an aber wurde der Stellmacher Stasiu Wietak im Dorfe noch mehr denn sonst scheel angesehen, und standen zwei zusammen, und er gesellte sich als dritter dazu, dann ging man auseinander, zuletzt stand er ganz einsam und zog schließlich von seinem Heimatsort fort, man erzählte sich später, er sei als Spion erschossen worden.
Wenn auch des Landes Hoffnungen und Sorgen in dem einsamen Dorfe ihren Widerhall fanden, so ging doch das tägliche Leben seinen stillen Gang weiter. Der junge Offizier weilte noch immer als Genesender im Pfarrhause, denn seine schweren Wunden heilten nur langsam. Die Erschütterung über den Tod seines Kameraden hatte seinen Zustand verschlimmert, und nur der aufopfernden Pflege seiner Wirte gelang es, sein junges Leben zu retten. Aus seiner Heimat war ein Brief seiner Mutter gekommen, ein dankerfüllter Brief, in dem die Mutter von ihrer seligen Freude schrieb, daß der Sohn gerettet und in guter Pflege war.