Das Wort, das Pastor Flemming zu seiner Gemeinde gesprochen hatte von der Pflicht gegen den hilflosen Feind, war übrigens auf guten Boden gefallen. Es war ein harter Winter und die Not groß im Lande, und dennoch verging kaum ein Tag, an dem nicht eine Bauersfrau an des Pfarrhauses Tür klopfte und eine kleine Gabe für den Kranken brachte, war es auch nur ein frisches Ei oder ein Töpfchen Milch. »Unsern Franzosen«, nannten die Dorfleute den Fremden bald, und sein Ergehen war Dorfgespräch. Als es ihm besser ging, kam immer ein Bauer nach dem andern mit der Bitte, den Kranken sehen zu dürfen. Pfarrer Flemming führte sie bereitwillig in seines jungen Gastes Zimmer, dem reichten sie treuherzig die Hand und wünschten ihm in ihrer rauhen, unbeholfenen Weise eine gute Genesung. Leutnant von Lühenaar erzählte dann wohl von dem Todeszug durch Rußland, und ernsthaft lauschten die Bauern seinen Worten. Der Schmied, Franz Strobeck, der, wie seine Frau sagte, »ein Hitziger war«, konnte sich nicht enthalten zu rufen: »Alles allein dem Bonaparte sein Werk!«
Der junge Offizier seufzte leise, und seine Augen sahen sehnsüchtig ins Weite, er gedachte seines schönen Vaterlandes, das auch unter der fremden Herrschaft litt, dessen Söhne im Gefolge des fremden Eroberers in den Kampf ziehen mußten.
Auch die Bewohner des Herrenhauses kamen oft, den Kranken zu besuchen. Als er Renate das erstemal sah, da fragte er lächelnd: »Kennt die kleine Demoiselle mich noch?«
Renate bejahte hocherglühend, sie hatte sofort den Offizier wiedererkannt, der im Frühling in Kloningken gewesen war, schüchtern sah sie ihn mit ihren sanften Augen an, die lebhafte Luise aber rief: »O, Renate, immer sagst du, ich hätte meine Augen überall, und doch hast du dir den Herrn Leutnant viel besser angesehen als ich!«
Der junge Mann lachte. »Trotzdem wir, schon seit ich hier bin, so gute Freunde geworden sind, hat Demoiselle Luise mich doch noch nicht als alten Freund erkannt, sie war damals auch gar zu furchtsam!« Luise wurde verlegen, sie schmollte etwas, als aber Hans-Heinrich sie später neckend fragte: ob ihr Mund vielleicht spazieren gegangen sei, da wurde sie wieder vergnügt und plauderte in alter Weise.
Walter und Hans-Heinrich waren bald unzertrennlich von dem Offizier, wenn Frau Charlotte nicht oft Einspruch erhoben, so hätten sie ihre ganze freie Zeit bei ihm verbracht. Die beiden waren unermüdlich im Fragen, und Leutnant von Lühenaar erzählte ihnen viel von dem Feldzug. Er schilderte den Übergang über den Niemen und wie schon von Anfang an keine rechte Ordnung im Heer gewesen sei. Die Schlacht bei Borodino hatte der junge Offizier mitgefochten, und verwundet war er in das brennende Moskau mit eingezogen. »Es war eine Stadt des Todes,« sagte er oft, »die meisten von uns haben es beim Einzug gefühlt, daß wir nur besiegt aus diesem Lande heimkehren würden.« Der junge Offizier aber selbst lauschte begierig jeder Nachricht, die von der Welt her in das stille Kloningken drang. Er zagte und hoffte mit den andern, oft aber, wenn die beiden Knaben begeistert von einem künftigen Befreiungskampf sprachen, überschattete tiefe Traurigkeit sein Gesicht. Er war ein Deutscher und durfte doch nicht deutsch fühlen, vielleicht mußte er gar in den Kampf gegen Deutsche ziehen.