»Es riecht schon nach Frühling,« sagte Luise Flemming eines Tages. Sie streckte das Näschen in die Luft und sog begierig den herben Erdgeruch ein. Sonne und Tauwind hatten in den letzten Tagen dem Schnee ziemlich den Garaus gemacht, überall sah die braune Erde hervor, und nur am Waldesrand schimmerten noch einige schmutzigweiße Flecke. »Fritz, glaubst du, daß es schon Schneeglöckchen gibt?« fragte Luise.
Fritz, der meist mit der Schwester in solchen Fragen übereinstimmte, bejahte lebhaft, er machte den Vorschlag, sie wollten bis hinter das Dorf gehen und dort am Wiesenabhang nachsehen. Luise überlegte. »Ja, komm, Fritz,« sagte sie dann, »vielleicht finden wir schon einige Glöckchen, die wir Herrn von Lühenaar zum Abschied geben können, morgen will er nach Bayern zu seiner Mutter zurückkehren.«
Wohlgemut trabten die beiden die Dorfstraße entlang. Luise raffte zierlich ihr Kleid hoch, denn sie sah zu ihrem Entsetzen, daß es reichlich schmutzig draußen war. Fritz suchte dagegen mit einer gewissen Freude die feuchtesten Stellen aus, und er patschte mit seinen derben Stiefelchen wohlgemut durch manche Pfütze. Unterwegs begegneten die Kinder der Jungfer Karoline, die auch mit hochgerafftem Kleid die Dorfstraße entlang stapfte. Sie kam vom Herrenhaus und wollte der Schmiedsfrau einen Besuch abstatten. Die Jungfer schüttelte bedenklich den Kopf, als sie von dem Unternehmen hörte. »Luischen, du bist doch ein rechter Unband,« sagte sie vorwurfsvoll. »Wie kann ein Mädchen nur so wie ein Junge umherstreifen, sicher wird deine Frau Mutter ungehalten sein.«
»Ach, Mutter wird nicht schelten,« tröstete Luise etwas leichtsinnig, »ich werde ihr sagen, daß ich mit Demoiselle Karoline gegangen bin.«
Diese lächelte geschmeichelt und ließ sich nun herab, mit Luise eine Unterhaltung zu führen. »Es war eine recht unruhsame Nacht für mich,« begann sie mit einem Seufzer, »der Wind pfiff so sehr, und seit ich im Dezember die horrible Erscheinung hatte, läßt jedes Geräusch mich im Schlafe emporfahren.«
»Welche Erscheinung?« forschte Luise neugierig.
»Ach, Luischen,« sagte die Jungfer kläglich, »ich soll es ja nicht sagen, Ihre Gnaden, die Frau Baronin, schilt mich sonst, es ist, weil Ihre Gnaden nicht an dergleichen Dinge glaubt, aber ich lasse es mir nun mal nicht nehmen, was ich gesehen habe, habe ich gesehen.« Luise drängte sich dichter an sie heran. »Demoiselle,« bat sie, »sagen Sie es mir doch, ich verrate sicher nichts.«
Eine Weile schien diese zu schwanken, dann als sie sah, daß Fritz sich nicht weiter um sie bekümmerte, sondern sich damit unterhielt, mit einem dicken Stock Löcher in die feuchte Erde zu stoßen, begann sie in geheimnisvollem Flüsterton: »Einige Tage nach Neujahr war es, da bin ich in der Küche, um einiges mit den Mädchen zu reden, da – plötzlich ist es mir, als husche etwas leise an der Tür vorbei. Du kannst mir glauben, Luise, eiskalt lief es mir über den Rücken, ich aber, mutig wie ich bin, gehe zur Tür und – noch heute sträubt sich mir mein Haar, wenn ich daran denke, da gleitet eine mächtige, dunkle Gestalt an mir vorüber. Sie schleifte ein langes dunkles Gewand nach sich, ich hörte ein fürchterliches Kettengerassel und sah – ach, es ist horrible – ich sah ein paar große glühende Augen!« Die Jungfer ächzte schwer, und wenn es nicht so schmutzig auf der Dorfstraße gewesen wäre, dann wäre sie vielleicht wieder in Ohnmacht gefallen, so war sie aber zu vorsichtig dazu.
Luise hatte erst mit Spannung gelauscht, dann begann es in ihrem Gesicht zu zucken, und kaum hatte Jungfer Karoline geendet, da brach sie in ein helles, übermütiges Lachen aus. Erst ganz erstaunt, dann streng und verweisend sah die Jungfer sie an, aber Luise lachte und lachte, bis ihr die hellen Tränen über das Gesicht liefen. Sie schluckste und prustete, sie wollte sprechen, aber sie brachte kein Wort hervor. Fritz hatte erst verdutzt zur Schwester aufgesehen, dann fand er das Lachen sehr vergnüglich, er stimmte auch ein und lachte aus vollem Hals mit, weil die Schwester lachte.
Jungfer Karoline warf einen niederschmetternden Blick auf beide, sie reckte den Kopf hoch in die Luft und ging steif wie ein Grenadier ihres Weges weiter, im Herzen tief empört über die dumme Mariell. Nachher klagte sie der Schmiedsfrau ihr Leid. »Ich hätte die Luise wirklich für klüger gehalten,« sagte sie giftig, »aber Ihre Gnaden, die Frau Baronin, haben recht, sie ist ein Unband.«