Gerührt zog diese das Kind an ihr Herz – seit jener Stunde verstanden sich die beiden.

Es war, als sei durch Luises Eintritt der Bann gewichen, der vorher alle bedrückt hatte. Die Frühlingsluft, die hereingeweht war, hatte die Sorgen verscheucht, und unter heiteren Gesprächen verfloß der Tag. Zuletzt setzte sich Charlotte Flemming an das kleine, schon etwas verstimmte Spinett und schlug die Tasten an; die Kinder sangen allerlei Volkslieder, deren Text auch die Erwachsenen mitsummten. Dann aber ging die heitere Melodie in eine ernste, feierliche über und wieder sangen die Kinder, wie damals in der Kirche den schönen Psalm: »Befiehl dem Herrn deine Wege.« Diesmal sang auch Walter mit; er war hinter seine Schwester getreten und hatte den Arm um sie gelegt, Fritzchen hielt, wie gewöhnlich, der Schwester Kleid, er sah mit seinen großen, blauen Augen ernsthaft drein. Des Pfarrers Augen ruhten unverwandt auf seinen Kindern, als müsse er sich dieses Bild tief in sein Herz einprägen. »Befiehl dem Herrn deine Wege,« klang es in ihm nach.

Die Erinnerung an die Heiterkeit und den Frieden dieses letzten Tages nahm Leutnant von Lühenaar mit, als er am nächsten Tage seinen Gastfreunden »Lebewohl« sagte. Es war ein bewegter Abschied, wie teuer waren ihm die Menschen geworden, die ihn so opferwillig aufgenommen hatten. Von jedem Fleckchen nahm er Abschied, auch von dem Grab seines Freundes, auf das Luise und Renate einen Buchsbaumkranz gelegt hatten; er stand noch einmal an der Stelle, an der ihn der Pfarrer halbtot gefunden, und er drückte den Dorfbewohnern die Hände und schämte sich nicht der Tränen, die auf Frau Charlottens mütterliche Hand fielen. Bis zur nächsten Stadt gaben ihm im Wagen Frau von Seeheims der Pfarrer, Hans-Heinrich und Walter das Geleite. Dort nahm ihn die Post auf und fort ging die Reise, durch das sich nach dem Frühling sehnende Land, der fernen Heimat entgegen.

»So Gott will, sehen wir uns wieder!« rief er beim Abschied.

»Als Freunde!« gaben die Knaben zur Antwort, und der Schwager blies auf dem Bocke ein Liedchen, das wehmütig in die Weite klang.


13. Kapitel.
Das Vaterland ruft.

Kaum eine Woche nach der Abreise des jungen Offiziers war vergangen, als der Freiherr von Seeheim nach Kloningken die Nachricht brachte, daß Deutschland zum Kriege rüstete.