»Mutter, meine Mutter,« bat der Knabe wieder, »wie kann ich zu Hause bleiben, wenn alles zu den Waffen greift. Mutter, ich, ein Seeheim, ich weiß, mein tapferer Vater würde nichts anderes von mir erwarten, Mutter, laß mich ziehen!«
»Nein – nein, o, du barmherziger Gott, ich kann nicht! Nicht alles kann das Vaterland von einer Mutter fordern, du bist noch ein Knabe, für dich besteht noch nicht die Pflicht, in den Kampf zu ziehen, deine Pflicht ist, bei deiner Mutter zu bleiben! Hans-Heinrich, was ist das Leben für mich ohne dich, was weiß ein Kind von den Schmerzen, die einer Mutter Herz zerreißen. Bleibe bei mir, ich kann dich nicht lassen!«
Hans-Heinrich schwieg. Die Liebe zu seiner Mutter, der heiße Wunsch, zu den Waffen zu eilen, rangen in seinem Herzen miteinander. Wenn er in der Mutter bleiches, vergrämtes Gesicht sah, dann rief es in ihm: »Bleib hier, du darfst sie nicht verlassen.« Aber dann dachte er an das Vaterland, das seine Söhne rief, und feige erschien es ihm, daheim zu bleiben. Hinter dem Ofen sollte er hocken, während draußen um die Freiheit des Landes gerungen wurde. Das konnte, das durfte doch nicht sein. Er sprang auf, es wurde ihm zu eng in dem Zimmer, er mußte hinaus. »Mutter,« bat er noch einmal, »laß mich ziehen!«
Frau Friederike, die sonst so Aufrechte, saß ganz zusammengesunken auf ihrem Sessel. Bei den Worten des Sohnes richtete sie sich auf, und ein wenig von der alten harten Festigkeit lag in ihrer Stimme, als sie rief: »Ich kann nicht.« Und nach einer Weile sagte sie müde, gebrochen: »Laß mich jetzt allein – morgen – werde ich dir Antwort sagen!«
Bedrückt ging Hans-Heinrich hinaus. Er suchte einsame Wege auf und lief durch den Park, über die Felder, aber er fand keine Ruhe. Endlich ging er in das Pfarrhaus, vielleicht daß ihm dort Hilfe wurde. Er traf die Familie im Wohnzimmer; still und ernst saßen sie beieinander, Frau Charlotte, wie immer, eine Arbeit in den fleißigen Händen. Verstohlen wischte sie manchmal eine Träne ab, die darauf fiel, niemand sollte es sehen, wie furchtbar schwer es ihr wurde, ihren Sohn, ihren Ältesten herzugeben. Ohne Widerspruch hatte sie, gleich ihrem Manne, dem Wunsch Walters, als Freiwilliger ins Heer zu treten, beigepflichtet, klaglos brachten die Eltern dem Vaterland das Opfer, das es forderte.
Ein freundlicher Gruß wurde Hans-Heinrich als Willkommen geboten. Aber er fand nicht wie sonst Worte für das, was ihn bewegte, er saß schweigend in dem lieben, vertrauten Kreise. Selbst mit Luise kam er nicht, wie sonst, in ein Gespräch, diese saß heute mit ungewohntem Eifer bei ihrer Arbeit, und aller schelmische Übermut war aus ihrem Gesichtchen verschwunden.
Pfarrer Flemming sah, daß Hans-Heinrich niedergeschlagen war, und er ahnte den Grund. Väterlich herzlich lud er ihn in sein Arbeitszimmer, und dort löste sich des Knaben Stummheit, er vertraute dem Pfarrer seinen Kummer an. Der sah ihn fest an und sagte ernst: »Hans-Heinrich, du bist deiner Mutter einziger Sohn, sie hat für dich gesorgt in selbstloser Treue bis zu diesem Tage, du bist ihr zuerst Gehorsam schuldig; welche Entscheidung sie auch trifft, für dich muß es die rechte sein. Deine Hoffnung, zwischen dir und deiner Mutter zu vermitteln, kann ich nicht erfüllen, denn zwischen Eltern und Kinder darf sich kein dritter drängen. Wohin dich dein Platz auch stellt, denke immer daran, ein guter, pflichtgetreuer Mensch, sei es Mann, sei es Weib, kann seinem Vaterland überall dienen, im Krieg und im Frieden, wenn er seinen Posten mit rechter Treue ausfüllt.«
Hans-Heinrich senkte schweigend den Kopf; die ernsten Worte des Pfarrers hatten Eindruck auf ihn gemacht. Der Entschluß wurde ihm zwar bitter schwer, aber er nahm sich doch vor, möglichst ruhig seiner Mutter Entscheidung zu ertragen.
Bald darauf brach er auf, und Walter gab ihm das Geleite. Arm in Arm schritten die Freunde dem Herrenhause zu. Es war ein warmer Tag, hin und wieder fielen einzelne Regentropfen, dann jagte wieder der Wind die Wolken auseinander und die Sonne brach strahlend hervor. Der letzte Schnee war verschwunden und wie grüne Teppiche schimmerten die Saaten. An den Sträuchern und Bäumen waren die Knospen dick geschwollen, ja, hie und da entfalteten sich schon ganz zarte grüne Blättchen. Von fernher tönte das »Hüh, Hüh« eines Bauern, der hinter dem von einem Ochsen gezogenen Pfluge herschritt, begleitet von einem Schwarm Krähen, die in dem aufgewühlten Boden nach Nahrung suchten, um, wenn der Bauer die Peitsche schwang, mit lautem Geschrei wieder in die Höhe zu fliegen.
Die Freunde sprachen wenig miteinander, Walter sah ringsum, und zum ersten Male kam ihm recht zum Bewußtsein, wie schön doch die Heimat sei. Dort im Osten der Wald, die blaugrünen Kiefern hoben sich dunkel von den noch blätterlosen Birken ab, und daneben der See, der wie ein schmales, silbernes Band auf dem braunen Kleid der Mutter Erde lag. Vor ihm das Dorf, mit seinen mit Stroh gedeckten Häusern, auf dem Dach von Michael Ragnits Gehöft war ein Storchnest, dessen Bewohner schon zurückgekehrt waren, auf einem Bein stand der Storch und klapperte eine lange Geschichte, der Frau Störchin zuhörte. Tief atmete der Jüngling die linde Frühlingsluft ein. Er hatte in den letzten Wochen in fieberhafter Aufregung gelebt. Die Gerüchte von dem nahen Krieg, das Bange, Ungewisse hatten schwer auf ihm gelastet, nun die Entscheidung gefallen war und die Eltern seinen Entschluß, in das Heer einzutreten, gebilligt hatten, trat erst der Gedanke an die nahe Trennung vor seine Seele. Eine weiche, wehmütige Stimmung überfiel ihn, und wenn er in seinem törichten Knabenstolz nicht gemeint, Weinen sei eines künftigen Kriegers unwürdig, und sich darum nicht gewaltsam beherrscht hätte, in dieser Stunde wären ihm leicht die Tränen gekommen. Eine unendliche Bangigkeit überkam ihn. »Hans-Heinrich,« sagte er leise, »es ist doch schön zu Hause. Ich glaube, ich könnte noch so viel von der Welt sehen, besser würde es mir nirgends gefallen.«