»Vergiß mich nicht, Renate, liebe Renate,« bat Walter mit erstickter Stimme. Einige Augenblicke lang standen sie Hand in Hand, sie sahen sich tief in die Augen, und ihnen beiden war es, als könnte sie nichts mehr auf der Welt trennen. »Nur der Tod kann unsere Freundschaft scheiden,« dachte Walter, und ein seltsam banger Schauer durchrieselte ihn. Er sprach das Wort aber nicht aus, beinahe heftig riß er sich los: »Leb' wohl!« murmelte er, dann eilte er davon.

Renate blieb stehen, mit umflorten Augen sah sie dem Freunde lange, lange nach. »Wenn er nicht wiederkommt,« klang es in ihrem Herzen, da schluchzte sie auf und eilte rasch in ihr Stübchen, um allein zu sein mit ihrem Schmerz.

Einer nach dem andern kam aus dem Dorf in das Pfarrhaus, die mitkämpfen wollten in dem Kampf um die Freiheit. »Herr Pfarrer, ich will mitziehen,« so meldeten sie sich schlicht und einfach. Der Pfarrer schrieb ihre Namen auf, um die Liste dann dem Freiherrn Franz von Seeheim zu geben, der alle freiwilligen Kämpfer nach Königsberg geleiten wollte. Michael Ragnit kam und brachte seine beiden Söhne. »Sie haben Kraft, Herr Pfarrer,« sagte er, »guten Willen, ihrem Vaterlande zu dienen, haben sie auch, was ihnen sonst noch fehlt, werden die Herren Obersten ihnen schon beibringen, am Dreinschlagen wird es nicht mangeln.«

Franz Strobeck, der Schmied, kam. »Ich geh' mit, mein Weib, mit der ich immer Streit hatte, sitzt und heult. Aber Hochwürden, ein gutes Weib ist sie doch, das beste, was sie für mich schaffen kann, gibt sie her, denn sie hat Angst, ich möchte nicht satt zu essen haben, und ihren Patentaler hat sie mir als Zehrpfennig eingenäht.« Der Mann fuhr sich verlegen durch die Haare, »wenn's Friede wird, und unser Herrgott läßt mich heimkehren, dann will ich auch Frieden halten mit meinem Weib, ich gebe mein Wort, und das halte ich.«

Vogt Schwarze kam, mit ihm der lange Friedrich, der als Pferdeknecht diente, und der größte Mann im Dorfe war. Er hatte sich einst zwei Finger seiner linken Hand abgehackt, um nicht unter Bonaparte kämpfen zu müssen. »Unser gnädiger Herr König wird mich schon gebrauchen können, dreinhauen kann ich auch mit acht Fingern,« sagte er und reckte seine lange Gestalt empor, »und wenn ich nur eine Hand hätte, ich ging' doch mit.«

Daniel Romeike kam mit Sohn und Schwestersohn, er war der reichste Mann im Orte und führte darin eine gewichtige Stimme. »Hochwürdiger Herr Pfarrer, schreiben Sie mich auch mit auf, ich gehe mit, ich will mich nicht von meinem Jungen beschämen lassen.«

Viele kamen so, und Pastor Flemming sagte zu seiner Frau: »Wenn überall in Preußen so wie bei uns das Volk zu den Waffen greift, so muß es doch einen Sieg geben, denn jeder, der mitzieht, geht mit dem Bewußtsein, daß es eine heilige Sache ist, für die er kämpft.«

Am zweiten Tage, nachdem Hans-Heinrich im Pfarrhaus gewesen war, kam Frau Friederike mit ihrem Sohn. Sie kam mit festem, aufrechtem Schritt, ungebeugt hielt sie das Haupt, dessen Haar völlig ergraut war in diesen Tagen. In ihrem Gesicht standen die furchtbaren Seelenleiden geschrieben, die sie durchlitten hatte. »Ich bringe Ihnen wohl den jüngsten Kämpfer, mein Freund,« sagte sie, den Pfarrer, der ihr rasch entgegengegangen war, an der Gartenpforte begrüßend. »Er ist mein letztes Kind, doch sein Wunsch und unseres Vaterlandes Not treibt ihn fort, so gehe er denn mit Gott, vielleicht vermag mein Segen und mein Gebet, ihn zurückzuführen.«

Dem Pfarrer versagte die Stimme, voll Ehrfurcht küßte er die Hand dieser Frau, die ihrem Vaterland das schwerste Opfer brachte. Mit einem unendlich wehen Lächeln sah sie ihn an, »Mütter müssen leiden, müssen das Glück, Kinder zu besitzen, mit tausend Schmerzen bezahlen, ich leide nicht allein, Tausende tragen in dieser Stunde den gleichen Schmerz!«

Pfarrer Flemming dachte an das Wort, das der Evangelist von Maria, der Mutter Jesu, sagt: »Es wird ein Schwert durch ihre Seele dringen.«