Die Tage, die folgten, vergingen in Aufregung und Unruhe. Die Hausväter, die mit auszogen, bestellten noch in aller Eile Haus und Feld. Es wurde wacker geschafft in diesen wenigen Tagen. Mit viel Abschiedsgedanken und Klagen gaben sich die Kloningkener Bauern nicht ab, auch die Frauen waren tapfer und still. Die Gutsherrin ging ihnen darin freilich mit gutem Beispiel voran. Seit Frau Friederike dem Sohn die Erlaubnis gegeben hatte, mit in den Krieg zu ziehen, hatte sie kein Wort der Klage mehr verloren. Aufrecht und ungebeugt ging sie durch die Tage, allen denen, die zu ihr kamen mit Bitten und Fragen, wußte sie zu raten und zu helfen. Ja, in der Gegenwart ihres Sohnes beherrschte sie sich so, daß sie sogar ein Lächeln fand; sie wollte ihm den Abschied nicht schwer machen. Und Hans-Heinrich ahnte bei aller Liebe zu seiner Mutter nicht, daß das Opfer, das sie brachte, riesengroß war.
Es wurden viele stille, schwere Opfer dem Vaterlande dargebracht, in den Frühlingstagen von 1813. »Ach, wäre ich doch ein Junge und könnte mitgehen,« seufzte Luise Flemming, als der Vater aus der Spenerschen Zeitung den Seinen vorlas, wie man überall rüstete, und wie viele ihre kostbarsten Sachen dem Vaterlande hingaben. Die Spargroschen, das silberne Hausgerät, ja die Trauringe wurden geopfert. »Alle geben etwas, nur ich habe nichts,« dachte Luise, als sie später in ihrem Stübchen saß und versuchte, ihre dunklen Locken etwas zusammenzubinden.
Dabei fiel es ihr ein, daß der Vater neulich von einem schönen, armen Fräulein erzählt hatte, das sich seine blonden Haare abgeschnitten und sie verkauft hatte, um doch auch ein Scherflein dem Vaterlande geben zu können. Das war noch etwas, und Luise sah im Geiste schon ihre braunen Locken vor dem König liegen. Denn ihrer Meinung nach erhielt alles der König, bekam alles zu sehen und zu hören. Denken und Handeln war bei dem Wildfang Luise meist eins, und die Überlegung kam gewöhnlich mit Reuetränlein hinterher. Auch jetzt überlegte sie nicht lange, geschwind suchte sie eine Schere und dann schnitt sie, ritsch, ratsch, darauflos. Sie säbelte, mit vor Eifer heißen Wangen, in ihren schönen Locken herum, die fielen rechts und links zu Boden, auf ihrem Kopf entstanden Treppen, Lücken, da blieb ein Schöpfchen stehen, da blinkte beinahe die Kopfhaut durch, aber Luise schnitt unbekümmert weiter.
Als alle Haare herunter waren, band sie ein blaues Band um die braune Fülle, und dann lief sie, ohne sich erst noch einmal in dem Spiegel anzuschauen, hinunter. Im Wohnzimmer fand sie niemand, vom Garten her aber tönten Stimmen, und mit gewohntem Ungestüm stürzte sie hinaus. Dort standen, an der schon grün schimmernden Weißdornhecke, die Eltern und Walter mit dem Freiherrn Franz von Seeheim und Hans-Heinrich.
»Aber, Luise, wie siehst du denn aus?« riefen alle erstaunt.
»Ja, Kind, was ist denn mit deinem Kopf geschehen?« fragte die Mutter, sie sah entsetzt auf die angerichtete Verwüstung.
»Ich – ich – wollte doch auch etwas geben,« stammelte Luise, die bei dem allgemeinen Erstaunen ihre fröhliche Sicherheit verlor, und der es sacht zum Bewußtsein kam, daß sie vielleicht unüberlegt gehandelt hatte.
»Johanna von Kloningken,« sagte der Freiherr von Seeheim lächelnd, »es fehlt nur noch, daß unsere kleine Heldenjungfrau mitzieht.«
Die Mutter aber nahm ihrem Kind still die Haare aus der Hand, sie sah ein wenig wehmütig auf die seidige Fülle. Flehend blickte Luise zu der Mutter auf. »Sind Sie böse?« flüsterte sie und schluckte die aufsteigenden Tränen herunter.
»Nein, Kind, du wolltest ja etwas Gutes tun,« sagte Frau Charlotte, sacht über den Strubelkopf der Kleinen streichend. »Daß man auch Opfer mit Vernunft und Nachdenken bringen muß, das wird mein Wildfang schon noch lernen!«