»Ach, Luischen, du bist aber doch ein Prachtmädel,« rief Hans-Heinrich, »wenn du auch augenblicklich greulich aussiehst.«
»Ich glaube, es war sehr dumm,« sagte Luise mit einem tiefen Seufzer in ehrlicher Selbsterkenntnis.
Sie lachten alle, und der Freiherr von Seeheim tröstete: »Na, Mariellchen, für Dummheit kann niemand, vielleicht wächst mit den neuen Haaren die Klugheit gewaltig. Nun gib deine Haare nur her, sie sollen mit nach Königsberg gesandt werden. Du hast schließlich doch gegeben, was du konntest, und es wäre recht, wenn dies alle täten.«
Da trug Luise fortan froh ihren Kahlkopf, und war glücklich, daß sie dem Vaterland ein Opfer hatte bringen dürfen. Renate tat es ihr nicht nach, aber ganz heimlich trug sie alle ihre Ersparnisse der Witwe Kaslowsky hin, damit deren Sohn, der mitziehen wollte, ohne Sorge der Mutter gedenken konnte.
Viel zu rasch für jene, die daheim blieben und ihre Angehörigen ziehen lassen mußten, verging die Zeit, und der Tag des Abschieds kam.
In der kleinen Dorfkirche segnete der Pfarrer die Freiwilligen ein. Es war eine stattliche Schar, die da vor dem Altar kniete, als erste die drei Jüngsten: Hans-Heinrich von Seeheim, Walter Flemming und Franz Ragnit. Die Sonne, die an diesem Tage so warm und hell schien, erfüllte die Kirche mit ihren Strahlen und tauchte die Köpfe der Männer, die ausziehen wollten zum Kampf, in blendendes Licht. Des Pfarrers Stimme zitterte, als er den Segen sprach, als er seine Hand auf seines Sohnes Haupt legte, dessen Augen in feuriger Begeisterung zu ihm aufblickten. Renate und Luise sangen noch einmal den Scheidenden zum Abschiedsgruß den Psalm: »Befiehl dem Herrn deine Wege«, und zum Schluß sang die ganze Gemeinde mit, dann gingen alle still auseinander.
Am nächsten Morgen zogen die Kämpfer fort, und weit über die Feldmark des Dorfes hinaus gaben ihnen die Zurückbleibenden das Geleit. Nur Frau Charlotte saß bei ihrer Freundin Friederike, die in tränenlosem Schmerz zusammengebrochen war.
Renate und Luise gingen Hand in Hand mit ihren Freunden, über Luise war wieder die Begeisterung gekommen, und am liebsten wäre sie mitgezogen, ihre dunkeln Augen blitzten, und sie versicherte Hans-Heinrich immer wieder: »Ich ginge schrecklich gern mit.« Als es jedoch zum Abschiednehmen kam, da schwand plötzlich wieder ihr tapferer Mut, und weinend hing sie an des Bruders und Freundes Hals. »Grüße meine Mutter, Luise,« sagte letzterer, »und erweise ihr so viel Liebe wie du kannst, versprich es mir!«
Luise nickte. »Ich gelobe es dir,« sagte sie ganz feierlich.
»Und wenn ich wiederkomme, dann wirst du meine Frau, ja, willst du?« fragte Hans-Heinrich, mit halbem Ernst und halbem Lachen.