Es war am Nachmittag des 19. Oktober. Durch das Grimmaische Tor ritten die Truppen in die Stadt ein, eine Anzahl Offiziere, darunter ein bayrischer Leutnant, waren genötigt, mitten in der Straße zu halten, denn ein Transport Verwundeter versperrte ihnen den Weg. Tote lagen auf der Straße und Verwundete klopften, um Einlaß flehend, an die zum Teil mit Holz vernagelten Türen und Fenster. Es war ein schauriges Bild.
Ernst sah der junge Bayer darauf nieder, und vorsichtig hielt er sein Pferd, damit es nicht auf die Körper der am Boden Liegenden träte. Nachdrängende Truppen stürmten vor, und minutenlang stand er fest eingekeilt, unfähig, sich zu rühren. Ein umgestürzter Wagen lag zur Seite, eine Anzahl Verwundeter waren auf die Straße gestürzt, und niemand war da, der sie aufhob, in wenigen Minuten waren vielleicht die Wagen und Pferde der Nachkommenden über sie hinweggegangen.
Dicht vor dem Pferd des bayrischen Offiziers lag ein Verwundeter, oder war es ein Toter. Unwillkürlich beugte sich der Offizier herab, er sah in ein feines, schmales Knabengesicht. Das kam ihm bekannt vor, er mußte es schon gesehen haben, nicht so starr und bleich, blühend und frisch.
Eine Lücke entstand in dem Gewühl vor ihm. »Rasch vorwärts,« rief ein Kamerad ihm zu. In diesem Augenblick wußte der Offizier, wer der Verwundete vor ihm war, – Hans-Heinrich von Seeheim.
Blitzschnell bog er sich herab und riß den Jüngling zu sich empor, und schon ging es weiter, wie eine Vision sah er noch ein altes Männergesicht, blaß, starr, das alte Gesicht kannte er auch, es war der Vogt von Kloningken.
»Wenn Sie anfangen wollen, Tote zu sammeln, werden Sie heute nicht fertig werden,« sagte ein höherer Offizier und schaute finster vor sich hin.
Leutnant von Lühenaar ließ sich nicht beirren, er nahm den Geretteten vor sich aufs Pferd, und so bahnte er sich langsam einen Weg durch die Stadt. Aus einer Wunde am Knie quoll dem Jüngling noch immer das Blut, da riß der Offizier seine Schärpe herab, er versuchte, so gut es ihm in der schwierigen Lage gelang, das Tuch auf die Wunde zu pressen; auf dem blassen Gesicht aber erschien kein Leben, unbeweglich lag Hans-Heinrich in seinem Arm.
Weiter hinein ging's in die Stadt. Es war ein furchtbares Getümmel, ein Schreien und Tosen, und von ferne tönte noch immer dumpfes Rollen, noch immer stand ein mattes Rot am Himmel. Leutnant von Lühenaar erbat sich einen kurzen Urlaub, um seinen Schützling unterzubringen. In den Spitälern jedoch herrschte eine solche Überfüllung, und immer neue Transporte mit Verwundeten kamen an, daß er bald die Unmöglichkeit einsah, Hans-Heinrich dort ein Unterkommen zu schaffen. Er ritt nun von Haus zu Haus und bat um Aufnahme, aber überall waren die Plätze, die man hatte, längst besetzt. Viele Türen, an die er klopfte, blieben auch verschlossen, die Bewohner wußten in ihrer Angst nicht mehr, wer Freund und wer Feind war.
Der Abend brach herein. Verzweifelt sah der Offizier sich um, er hielt in einer schmalen Gasse, die von der Petersstraße sich abzweigte, auch hier schleppten sich Verwundete von Haus zu Haus. Schwer wie Blei lag der Jüngling in seinem Arm. Er fühlte nach seiner Hand, vielleicht war es ein Toter, den er da herumtrug. Aber noch klopfte leise der Puls, noch war Leben in ihm. Und der junge Offizier dachte an die stillen Tage in Kloningken, an sein eigenes Schmerzenslager, und fester nahm er Hans-Heinrich in seinen Arm, er mußte ihn retten. Er klopfte wieder an die Türen, endlich wurde ihm geöffnet und eine schlanke, schwarzgekleidete Frau trat mit einer kleinen Laterne auf die dunkle Straße hinaus.
»Madame,« rief Leutnant von Lühenaar rasch, »haben Sie Erbarmen. Geben Sie dem Jüngling hier einen Platz, ich muß zurück zu meinem Regiment und kann nirgends ein Unterkommen finden, helfen Sie mir, Madame, alle Spitäler sind überfüllt!«