»Kommen Sie näher,« sagte die Frau, »ich wollte mir eben noch einige Pfleglinge suchen, ich habe noch Platz in meinem Hause.« Kaum hatte sie diese Worte gesagt, als sich schnell zwei Soldaten herandrängten, der eine schleifte den Fuß nach, der andere hatte ein schmutziges Tuch um den Kopf gebunden. »Nehmen Sie uns auf,« riefen sie. Sie taumelten zwar erschrocken zurück, als sie den Offizier gewahrten, die Frau aber sagte ruhig: »Ich habe Platz für alle.« Sie öffnete die Tür, eine alte Magd kam zur Hilfe, und die beiden Frauen hoben Hans-Heinrich aus des Offiziers Armen, während die beiden Soldaten über die Schwelle schwankten. Leutnant von Lühenaar band sein Pferd an den eisernen Ring der Haustür und trat dann ein, er war froh, daß er dieses Asyl für seinen Schützling gefunden hatte.

In einem hellgetünchten, schlichten aber sauberen Zimmer waren Betten aufgestellt, und in einem Nebenzimmer lagen bereits drei Verwundete. »Ich nahm sie gestern auf,« sagte die Frau schlicht. »Es sind Franzosen. Mein Mann ist Arzt, Professor an der Universität, er ist in das Spital gegangen, um dort zu helfen, mir hat er die Pflege hier überlassen, aber wir haben so viele Zimmer, da erschienen mir drei Kranke zu wenig.«

Leutnant von Lühenaar drückte ihr dankbar die Hand und half ihr noch seinen Schützling betten, dabei sagte er ihr kurz dessen Namen und Heimat und erzählte, wie man ihn selbst dort einst gepflegt hatte.

»So jung ist er noch, ein Kind beinahe,« sagte die Frau, sie strich mütterlich sanft über das blasse Gesicht. »Und einer Mutter letzter Sohn ist es, sagen Sie; seien Sie ohne Sorge, was meine schwachen Kräfte vermögen, soll geschehen, aber ich fürchte, es steht nicht gut mit ihm.«

Der Offizier nahm Abschied. Am nächsten Tage schrieb er an Pfarrer Flemming und meldete, wie er Hans-Heinrich gefunden hatte, und daß dieser in guter Hut sei. Er selbst konnte nicht noch einmal nach ihm sehen, denn seine Pflicht rief ihn fort, bereits am andern Tage mußte er Leipzig verlassen.


16. Kapitel.
Eine Siegesbotschaft.

Damals trug der Telegraph nicht wie heute die Kunde des großen Sieges ins Land, es dauerte Tage und Wochen, ehe die Nachricht überallhin gelangte, auch nach dem kleinen Kloningken kam sie viele Tage später. Ein trüber, dunkler Tag war es, an dem der Regen in Strömen vom Himmel floß, da kam von der nahen Stadt ein Bote, der den Sieg im Gutshaus meldete. Wenige Minuten später wußte das ganze Dorf davon, und die Nachricht rief eine unbeschreibliche Aufregung hervor. Die sonst so ruhigen, wenig zu Gefühlsäußerungen neigenden Dorfbewohner brachen in Jubel aus, weinend vor Freude fielen sie einander in die Arme. Magister Richter lief, so schnell es seine vor Aufregung zitternden Füße erlaubten, zur Kirche, der alte Mann riß mit aller Macht am Glockenseil, daß es laut in das Land hineintönte. »Sieg, Sieg, Sieg!«