Magister Richter zieht das Glockenseil
Die Leute von Kloningken strömten zur Kirche wie sie waren, in ihrer Arbeitskleidung, aus allen Häusern kamen sie daher, niemand wollte in dieser Stunde fehlen. Die Mütter kamen mit ihren Kleinen auf dem Arm, die Großmutter Romeike humpelte an ihrem Stock daher, und der alte Scharwerker Stefan, der seit Jahren nicht weiter gekommen war, als bis zu der Bank vor seinem Hause, ließ sich von seinen Enkeltöchtern zur Kirche geleiten. Von der Kanzel herab verlas Pfarrer Flemming die Siegesbotschaft, kurz und heiß, aus tiefstem Herzen kommend, war das Dankgebet, das er sprach, und kniend betete die Gemeinde mit, aber leise mischte sich in Dank und Jubel hinein die angstvolle Frage: »Wie mag es den Unsrigen ergehen?«
Erst am Nachmittag des fünften Tages nach der Siegesbotschaft kam der Brief Leutnants von Lühenaar nach Kloningken, der meldete, Hans Heinrich lebt, aber er ist schwer verwundet. Frau Friederike brach zusammen, als ihr Charlotte Flemming die Nachricht überbrachte. Sie hatte immer geglaubt, es könne nicht geschehen, Gott könne ihr nicht den letzten Sohn nehmen, nun riß diese neue Trauerkunde die alten Wunden wieder auf. Vergebens war das Mühen der treuen Freunde, ihr Trost zuzusprechen, noch sei der Sohn am Leben, noch sei die Hoffnung nicht verloren, aber kein Trost fand anfangs den Weg zu dem Herzen der verzweifelten Frau. »Er stirbt, er stirbt,« so jammerte sie nur immer, und Charlotte Flemming saß die Nacht bei ihr und sprach immer wieder von der Hoffnung, die noch sei, bis die verzweifelte Frau ruhiger wurde und überlegte, was sie tun könne.
Während so die Pfarrerin der Freundin Trost zusprach, war ihr das eigene Herz sehr schwer, Hans-Heinrich war verwundet, aber er lebte und befand sich in guter Pflege, wo aber war Walter? Von ihm war keine Kunde ins Elternhaus gedrungen, was war sein Schicksal?
Charlotte Flemming aber war eine jener starken Naturen, die nie laut klagen, die in der Stille ihres Herzens ihr Leid tragen und dabei unermüdlich sind in treuer Pflichterfüllung, die nach jedem Leidenssturm, der über sie hinweht, uns schöner erscheinen in ihrer schlichten Größe. So fand sie auch jetzt die Kraft, über die eigene Sorge hinaus an andere zu denken. Und ihr Denken und Sorgen war notwendig. Frau von Seeheim hatte nur den einen Gedanken, den, so bald als möglich zu ihrem Sohne zu eilen. Der Pfarrer riet ab, denn eine solche Reise war beschwerlich und nicht ohne Gefahren. Der Mutter aber schienen alle Hindernisse klein, sie hatte nur die eine Sehnsucht, den Sohn wiederzusehen. Zuletzt stimmte ihr der Pfarrer zu, ja, er bot sich zu ihrer Begleitung an, er wollte dabei gleich versuchen, Nachrichten von Walter zu erhalten, denn von diesem hatten die Seinen noch nichts gehört. Es wurde der Pfarrerin nicht leicht, ihren Mann diese beschwerliche Reise antreten zu sehen, aber sie hielt ihn nicht durch Bitten zurück, sondern traf umsichtig die notwendigen Vorbereitungen. Der Geistliche fuhr noch am gleichen Tage nach der nächsten Stadt, um alles zu besorgen, und auch nach einem Vertreter Umschau zu halten; so sehr er auch eilte, so vergingen doch einige Tage, ehe er zur Reise bereit war. Tage waren es, die für Frau Friederikes angsterfülltes Herz lang wie Jahre währten, in denen sie rastlos durch ihre Zimmer eilte und Anordnungen gab, die sie nach wenigen Minuten bereits wieder änderte. Zuletzt kam Charlotte Flemming, sie sorgte in ihrer stillen Ruhe dafür, daß alles Nötige verpackt wurde, und daß Jungfer Karoline Weisungen erhielt, denn es konnten Wochen vergehen, ehe ihre Herrin heimkehrte.
Auf Renate und Luise hatte die traurige Kunde einen tiefen Eindruck gemacht, die ohnehin stille Renate sprach kaum noch ein Wort, sie half mechanisch der Jungfer Karoline bei den Vorbereitungen, aber ihre Gedanken waren so weit fort, daß sie alles verkehrt anstellte. Da ließ die Jungfer, die selbst herzlich traurig über den Kummer ihrer Herrin war, sie aufhören. Dann ging Renate in ihr Stübchen und starrte mit tränenlosen Augen vor sich nieder, oft kam ein leichter Schritt herauf, Luise war es, Luise mit rotgeweinten Augen und unerschütterlicher Hoffnung im Herzen. Luise, die in diesen Tagen überall war, sie saß bei Frau Friederike und weinte mit ihr und versicherte: »Hans-Heinrich müsse gesund werden!« Sie huschte hinter ihrer Mutter her und küßte deren Hand. »Walter kommt wieder, Mutterchen, glauben Sie es doch.« Sie ging mit Jungfer Karoline, mit der sie längst wieder gut Freund war, in die Vorratskammer und erzählte dort, auf einem Backtrog sitzend, die wundersamsten Geschichten, wie Leute aus schwerer Gefahr errettet wurden. Sie saß bei Stine Strobeck und sprach mit ihr über den Sieg und sagte treuherzig: »Euer Mann kommt wieder, es ist ja gar nicht anders möglich.«
An einem trüben, naßkalten Novembermorgen stand die altmodische, schwerfällige Kutsche, die noch aus der Großeltern Zeiten stammte, zur Abfahrt bereit und beinahe das ganze Dorf war versammelt, um der Abreise der Gutsherrin und des Pfarrers beizuwohnen. Diejenigen, die Angehörige im Kriege hatten, trugen Grüße auf, ja, in dem großen Koffer der gnädigen Frau lag sogar eine Speckseite und eine Wurst, die Michael Ragnit und sein Eheweib aus ihrem, in dieser harten Zeit selbst recht dürftigen Vorrat mitgegeben hatten. »Für die, die es not haben,« sagte die Bäuerin, »findet der Herr Pfarrer meine Jungen nicht, so gesegne es Gott einem andern.«
Die alte Marie Romeike kam, und ihre gekrümmten Finger umschlossen einige alte polnische Silbergulden.
»Nehmen gnädige Frau Baronin es mit,« bat sie, »damals wollte mein Sohn das Geld nicht, aber nun kann er es vielleicht brauchen.«