Im letzten Augenblick kam noch Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, an, sie trug ein dickes graues Bündel unter dem Arm, erst wischte sie sich den Schweiß mit der Schürze vom Gesicht, dann stammelte sie: »Wenn Gnaden, die Frau Baronin so gnädig wären, dem Franz das Tuchchen mitnehmen, ich weiß nicht, ob es unten bei den Franzosen nicht recht kalt ist, und – und ein schönes Grußchen auch.« Sie knickste noch, als sich der Wagen längst in Bewegung gesetzt hatte, und ihre Gönnerin, Jungfer Karoline, führte sie endlich fort.
Der Wagen fuhr ganz langsam, Frau Charlotte ging noch einige Schritte nebenher, mit ihr Renate und Luise. Im Wagen aber saß Fritzchen auf seines Vaters Knien und schaute mit seinen großen Kinderaugen von einem zum andern, er verstand noch nicht den Ernst dieser Stunde, aber da er alle so traurig sah, war ihm sein kleines Herz auch schwer geworden. Endlich mußte doch geschieden werden, die Zeit drängte, in der Stadt wartete die Extrapost auf die Reisenden. »Der liebe Gott schütze euch!« Mehr konnte Frau Charlotte nicht sagen, ein tapferes Lächeln aber lag auf ihrem Gesicht, sie wollte nicht zeigen, wie schwer ihr der Abschied wurde.
Der Kutscher zog die Zügel an, die Pferde setzten sich in Trab und fort ging es; auf dem holprigen Wege schwankte der Wagen hin und her und bald entschwand er im Nebel den Blicken der Zurückbleibenden. Still ging die Pfarrerin mit den drei Kindern dem Hause zu, Renate sollte während der Tante Abwesenheit bei ihr bleiben.
Im Hause ging alles seinen gewohnten Gang, auf dem Gesicht der Hausfrau lag immer die gleiche freundliche Güte, und sie hatte ein williges Ohr für die Dorfbewohner, die mit ihren großen und kleinen Leiden zu ihr kamen. Während sie so immer für andere sorgte, wurde in ihrem Herzen die Angst um den Sohn immer größer, ein Tag nach dem andern verging und keine Nachricht von Walter traf ein.
Einmal, wenige Tage nach ihres Mannes Abreise, saß Frau Charlotte allein in ihrem Zimmer und betrachtete wehmütig ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Bildchen, es stellte Walter dar, Friederike von Seeheim hatte es ihr einst zu gleicher Zeit mit dem ihres Sohnes von einem Königsberger Künstler malen lassen. Die Hand der Mutter zitterte, die das Bild hielt, und ihre Lippen preßten sich darauf, sie war so in den Anblick versunken, daß sie nicht das leise Geräusch an der Tür hörte, und erst ein schluchzender Ton ließ sie aufschauen. Da sah sie dicht hinter sich Renate stehen, der die hellen Tränen über das Gesicht liefen. »Mein liebes Kind, was ist dir?«
Charlotte Flemming bekämpfte tapfer ihren eigenen Schmerz und zog liebreich das Mädchen an sich.
»Ich weiß, o, ich weiß, daß Walter nie wiederkommt,« rief Renate leidenschaftlich, »mir ist so bang um ihn.«
Das sonst so ruhige, scheue Mädchen war wie umgewandelt, und Frau Charlotte enthüllte sich in dieser Stunde, wie groß die Liebe dieses Kindes zu ihrem Sohne war; ihr einsames Herz hatte sich mit all seiner tiefen Innigkeit dem Kameraden zugewandt. Der zarte Körper des jungen Mädchens litt unter diesem heftigen Schmerz: Fieber stellte sich ein, sie empfand einen Widerwillen gegen jegliche Nahrung, und die Pfarrerin hatte sorgenvolle Tage, bis es endlich ihren liebevollen Trostworten und Luises Plauderworten gelang, die Leidende etwas aufzurichten. Luise besaß noch die ganze Hoffnungsfreudigkeit des Kindes, bei ihr stand es fest, daß Walter und Hans-Heinrich gesund wieder heimkehren würden. Mit ihrer sieghaften Beredsamkeit sagte sie dies immer und immer wieder, und es gelang ihr auch oft, Mutter und Freundin hoffnungsvoller zu stimmen. »Ein Brief konnte verloren gegangen sein, Walter war gewiß frisch und munter, Vater findet ihn sicher in Leipzig,« tröstete sie.