»Wenn Walter gesund ist, erfährt Vater es bei seinem Regiment, ist er aber verwundet, wer weiß, ob ihn Vater findet, Leipzig ist eine große Stadt,« sagte die Mutter einst, »da ist es nicht so leicht, jemand zu finden, wie in unserm Kloningken.«
Luise, die in ihrem jungen Leben noch nicht weit über die Kloningkener Feldmark hinausgekommen war, breitete ihre Arme weit aus. »So, so viel größer sicher, ich glaube es, aber Sie können sich darauf verlassen, unser Vater findet sich zurecht, wenn er kommt, dann sagt man ihm schon Bescheid!«
Unwillkürlich mußte Frau Charlotte über ihr kleines naives Mädel lächeln. »Tausende von Menschen sind dort, und wohl so viele, viele Verwundete, wer kann sie alle kennen, und Vater ist dort völlig unbekannt, wohl kein Mensch, der ihn kennt.«
Dies leuchtete Luise nun nicht völlig ein, ihr Vater, der Inbegriff aller Weisheit für sie, sollte dort unbekannt sein, man sollte nicht wissen, wer Pfarrer Flemming aus Kloningken sei, nachdenklich saß sie lange, dann leuchtete es in ihren Augen auf, und erleichtert sagte sie: »Ach, so furchtbar viele Häuser werden schon nicht dort sein, daß Vater nicht überall hineingehen kann und fragen, na, und der dortige Pfarrer wird ihm auch schon helfen.« Und die felsenfeste Überzeugung, daß ihr geliebter Vater den Bruder finden würde, blieb ihr Trost. Sie war es auch, die zuerst den Boten traf, der einen Brief brachte, einen Brief, der Walters Handschrift zeigte. Mit einem lauten Jubelruf rannte Luise in das Zimmer, in dem die Mutter, Renate und Fritzchen saßen: »Walter lebt, Walter lebt, er hat geschrieben,« jauchzte sie.
Ja, er lebte wirklich, er war auf dem Marsch nach Frankreich, und er schrieb von der großen Schlacht, die ihm nur eine kleine Wunde gebracht hatte. Nun lag er in einem Quartier in der Nähe von Frankfurt, und er schrieb: »Wir alle möchten je eher je lieber nach Frankreich ziehen, und unser Blücher möchte es auch, aber wer weiß, wann wir über die Grenze kommen.« Walter schrieb auch, daß Hans-Heinrich gefallen sei, daß der Freund gerettet war, wußte er noch nicht, und die Mutter teilte es ihm gleich mit.
»Siehst du, Walter lebt doch, er ist gesund,« jubelte Luise immer wieder, wenn sie mit Renate zusammensaß.
»Aber er ist noch immer im Kriege,« sagte diese leise, »er zieht nach Frankreich, wer weiß ob er heimkommt?«