17. Kapitel.
Wiedersehen.
Die Reisenden hatten ziemlich gut Berlin erreicht, dort rasteten sie einige Stunden. Diese benutzte Frau Friederike, um einen Freund und früheren Vorgesetzten ihres Mannes aufzusuchen, einen alten General, der invalid war und den Feldzug nicht mehr hatte mitmachen können. Der alte Herr empfing sie mit großer Herzlichkeit, als sie von ihrem Sohn erzählte, und daß er verwundet in Leipzig liege, da nickte der alte Weißbart, und in seinen hellen Augen leuchtete es auf, »braver Junge,« rief er, »braver Junge, ganz wie sein Vater!« Bereitwillig gab er seiner Besucherin mehrere Schreiben an verschiedene höhere Offiziere mit, von denen er glaubte, sie könnten ihr nützlich sein, und verabschiedete sich dann mit großer Herzlichkeit. Er bat sie noch, wenn möglich, ihm auf der Rückreise Hans-Heinrich vorzustellen.
Von Berlin aus wurde die Reise beschwerlicher, regnerisches, kaltes Wetter hatte die Wege noch schlechter gemacht und hier mehrten sich auch die Spuren des Krieges, über Dennewitz und Zahna ging es und niedergebrannte Häuser, verwüstete Dörfer bezeichneten die Straße. Hin und wieder kamen ganze Züge von Landleuten, sie führten einen Teil ihrer ärmlichen Habe bei sich, denn sie zogen aus ihren zerstörten Wohnstätten fort, um für den Winter ein Unterkommen zu finden. Oft konnten die Reisenden nicht weiter, da keine frischen Pferde vorhanden waren, und Frau Friederike verzehrte sich vor Ungeduld, ihrem Ziele näher zu kommen. Die traurigen Szenen, die sie sah, vernichteten ihren Mut, und die Angst um ihren Sohn wuchs. Endlich näherten sie sich Leipzig, eine weite Ebene dehnte sich um die Stadt, unaufhörlich rieselte der Regen auf die Stätten des Jammers nieder. Noch sahen die Reisenden Gefallene auf der braunen Erde liegen, in der Ferne sahen sie dunkle Gestalten, die eifrig gruben, dort wurden die Toten in Massengräbern beigesetzt.
Pfarrer Flemming, der noch nichts über das Schicksal seines Sohnes wußte, schauerte zusammen. Über seine eigene Sorge hinaus dachte er aber auch an den namenlosen Jammer, an die ungezählten Tränen, die um diese Toten flossen. Und dann überkam ihn in allem Leid wieder eine tiefe, unendliche Freude über diese Söhne des Landes, die so mutig dieses große Werk vollbracht hatten.
Es war Mittag, als die Reisenden durch das Hallesche Tor in Leipzig einfuhren, die Post rasselte durch die Straßen, und der Schwager auf dem Bock blies ein fröhliches Liedchen. Hier in der Stadt sah man weniger als in der Umgebung von den Folgen der furchtbaren Schlacht, hier bargen die Häuser das Leid, denn es waren viele Häuser, in denen noch Verwundete untergebracht waren. Für Frau von Seeheims Unruhe ging alles viel zu langsam, sie ließ ihrem Begleiter kaum Zeit, für das Gepäck zu sorgen, und endlos erschienen ihr die Straßen, durch die sie gehen mußten, ehe sie das bezeichnete Haus erreichten. Sie fanden sich leicht zurecht, da man ihnen auf ihre Fragen freundlich Auskunft gab, und bald standen sie vor dem schmalen, grauen, mit altmodisch spitzem Giebel gezierten Hause und ließen den Klopfer an die Türe fallen. Eine ältere, freundlich aussehende Magd öffnete und führte sie in ein zur Seite des Flurs gelegenes Zimmer. Dasselbe war dem Geschmack der Zeit entsprechend eingerichtet, steife Möbel füllten es an, einige schöne Kupferstiche an den Wänden und Efeu an den Fenstern machten es behaglich. Einige Zeit verging, der Pfarrer hatte der Magd ihre Namen gesagt, und nun harrten beide voll Angst, was die nächsten Minuten ihnen bringen würden. Endlich öffnete sich eine Tür und die Frau des Hauses stand auf der Schwelle. »Er lebt!« rief sie Frau Friederike entgegen, und diese, die sich bis dahin mühsam aufrecht gehalten hatte, brach bei diesen Worten in Tränen aus.
»Er lebt,« wie Engelsgesang klangen ihr diese Worte im Ohr, und ihre zitternden Hände griffen nach denen der gütigen Frau, die sich ihr entgegenstreckten. »Kommen Sie selbst,« sagte diese, »Sie werden mit Ungeduld erwartet!«
Sie führte ihre Gäste eine Treppe hinauf und öffnete eine Tür, da rief schon eine, ach so geliebte Stimme: »Mutter, meine Mutter!« Im nächsten Augenblick kniete Frau Friederike vor dem Lager und hielt ihren Sohn in den Armen, »mein Kind, mein einziges Kind!«
»Mein Kind, mein einziges Kind!«
Die Professorin hatte den Pfarrer leise an der Hand genommen, sie wollte dieses erste Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn nicht stören, sie führte ihren Gast in ein nebenanliegendes Zimmer. »Jetzt ist der Raum frei, die Franzosen, die hier lagen, sind zu meiner großen Freude gesund geworden!« Gedankenvoll nickte der Pfarrer, »ich will auch meinen Sohn suchen, ich habe keine Nachricht von ihm.«