»Ich kann sie Ihnen geben,« sagte die Professorin herzlich, »Ihr Sohn ist gesund und mit seinem Regiment bereits auf dem Marsch nach Frankreich. Mein Mann hat sich auf unseres Pfleglings Bitte erkundigt und diese Auskunft erhalten. Er hat auch im Lazarette einen Soldaten Strobeck aufgefunden, der auch aus Ihrem Heimatsdorf stammt.«

Der Pfarrer atmete tief auf, sein Sohn war gesund, freilich, noch stand er im Felde, aber dem Vater ging es wie der kleinen Luise, seine Hoffnung wurde wieder stark und groß. Er dankte der liebenswürdigen Frau herzlich für ihre Auskunft, und sie, die die Schreckenstage der Schlacht miterlebt hatte, erzählte ihrem Gast viel davon.

Unterdessen saß Frau Friederike am Lager ihres Sohnes, und sie konnte sich nicht satt sehen an dem geliebten Gesicht. Es sah freilich so anders aus als das frische Knabengesicht, das sie zuletzt gesehen hatte, blaß und schmal war es geworden, die schwere Zeit, der Krieg mit seinen Schrecken und die lange Krankheit hatten ihre Runen hineingegraben und die kindlichen Züge hart gemacht. Ein Zug war darin, der von tiefen Schmerzen sprach, und ergriffen strich die Mutter ihrem Liebling sacht über das Haar, das hatte er so gern gemocht, als er noch ein Kind gewesen war. Mit matter Stimme erzählte Hans-Heinrich von den Tagen der Schlacht, daß Walter Flemming am Leben sei, aber Franz Ragnit war tot, er war wenige Tage vor der Schlacht bei einem Streifzug gefallen. Und Vogt Schwarze war tot, er war es gewesen, der Hans-Heinrich vom Schlachtfeld getragen hatte, dann hatte ihn eine Kugel getroffen, und er war unterwegs beim Transport gestorben. Daß der Wagen umgestürzt war und Leutnant von Lühenaar ihn gefunden hatte, wußte Hans-Heinrich nicht mehr, er war erst nach vielen Tagen wieder erwacht, in dem freundlichen Zimmer, in dem er jetzt lag.

»Und du wirst wieder gesund, mein Herzensjunge, ich nehme dich mit nach Kloningken, dort sollst du ganz genesen,« sagte Frau von Seeheim innig.

»Ja, Mutter,« die Stimme des Jünglings klang gepreßt und der Leidenszug in seinem bleichen Gesicht verschärfte sich. »Ja – ich werde gesund, gewiß, aber –« und auf einmal versagte ihm die Stimme und die hellen Augen wurden schwarz vor Tränen. »Mutter,« schluchzte er, »Mutter, ich bin ja ein Krüppel.« Er schlug die Decke zurück, da sah Frau Friederike, daß ihm ein Bein fehlte.

Sie weinte nicht, sie schrie nicht, sie nahm ihren Sohn in ihre Arme, als sei er noch der kleine hilflose Bube von einst. Mit fast übermenschlicher Kraft bezwang sie ihren Schmerz, um ihrem Sohn sein Leid nicht noch schwerer zu machen. »Mein Junge, du,« murmelte sie, »du, mein tapferer Junge, du wirst auch mit einem Bein ein ganzer Mann werden, wie dein Vater.«

Hans-Heinrich hielt die Mutter umschlungen, ganz fest, und auch er dachte daran, ihr den Schmerz nicht zu vergrößern, und ganz tapfer sagte er: »Ich will es werden, Mutter, ein rechter Mann, wie mein Vater. Es war ja mein Wille, in den Krieg zu ziehen, und, Mutter, – wir haben ja doch gesiegt.«

Dann wollte er von Kloningken etwas wissen, und Frau Friederike erzählte ihm von allem und allem, sie sprach und lächelte, und dabei schrie immer in ihrem Herzen das Leid: »Mein Sohn ist ein Krüppel.«

Die Professorin nahm ihre Gäste liebevoll auf, und Frau Friederike verband bald eine herzliche Freundschaft mit der wackeren Frau. Einige Tage sollte Hans-Heinrich noch in Leipzig bleiben, dann erst sollte die Rückreise angetreten werden. Pfarrer Flemming benutzte die Zeit, um sich nach seinen Pfarrkindern umzusehen. Er fand Franz Strobeck bereits auf dem Wege der Besserung, und mit strahlender Freude begrüßte dieser den Geistlichen. Als dieser ihm das Geschenk seiner Frau übergab, schluckte er ein paarmal und fragte dann rauh: »Hat sie neu Stroh aufs Dach gelegt?« Der Pfarrer bejahte und erzählte dann noch mancherlei aus dem Dorfe; als er Abschied nahm, hielt ihn der Schmied noch einmal zurück. »Ich bin bald gesund, aber nach Hause komme ich nicht eher, als bis ich das Franzosenland gesehen habe, aber sagt ihr, sie wäre ein braves Weib, und der Teufel soll mich holen, wenn ich noch einmal mit ihr schelte!« Dann drehte Franz Strobeck sich rasch um und lag steif und stumm und hielt sein graues Tuch im Arm.