Christian Ragnit fand der Pfarrer nicht und Franz war tot, so übergab er das Geschenk des Bauern dem Schmied, der es getreulich mit seinen Kameraden teilte. Bei jedem Stück aber erzählte er ihnen von Kloningken, »und wenn das Franzosenland das reine Paradies ist, wie ihr sagt,« versicherte er oft, »schöner als unser Kloningken kann's eben nicht sein, nichts auf der Welt ist schöner. Donnerschlag noch mal, und so 'ne Frau wie ich hat keiner.«

In den ersten Tagen des Dezember wurde die Heimreise angetreten. Wohl war Hans-Heinrich noch sehr schwach, aber da jede Gefahr vorbei war, so konnte Frau Friederike ihn unbedenklich den Mühsalen der langen Reise aussetzen. Schwer wurde den dreien der Abschied von den gütigen Wirten, und Hans-Heinrich winkte noch, so lange er es sehen konnte, nach dem schmalen Haus hin, das ihm wochenlang eine gastliche Heimat gewesen. Und seine Mutter dachte tiefbewegt daran, was wohl aus ihrem Sohn geworden wäre, wenn der Mann, den sie selbst einmal von der Schwelle ihres Hauses gewiesen, sich seiner nicht angenommen hätte. Still fuhren die drei Reisenden wieder zum Halleschen Tor hinaus. Der Winter hatte unterdessen seinen Einzug gehalten, und Schnee bedeckte die Felder, auf denen vor wenig Wochen der Kampf getobt hatte. Freilich, die niedergebrannten Dörfer und Gehöfte waren noch nicht aufgebaut, und die Reisenden bekamen so viel Leid zu sehen, daß Hans-Heinrichs Klage um sein verlorenes Bein verstummte. Wie reich war er doch noch, er, der eine Heimat hatte, den eine Mutter umsorgte, gegen alle die, die heimatlos, elend all der Härte des Winters preisgegeben waren. Er ertrug auch klaglos alle Beschwerden der Reise, und eine stille, tapfere Heiterkeit kam über ihn. In Berlin hielt Frau von Seeheim ihr Versprechen und führte dem alten General ihren Sohn zu, der diesen voll Herzlichkeit in seine Arme schloß. Er konnte gar nicht genug von ihm über den Krieg erfahren, am liebsten hätte er ihn einige Zeit bei sich behalten, aber keiner der Reisenden wollte von einer Verzögerung hören, sie hatten Sehnsucht, heimzukommen.

Ganz unerwartet kamen die Reisenden eines Nachmittags in Kloningken an. Luise, die eigentlich in beständiger Erwartung lebte, war die erste, die den herankommenden Wagen erblickte. Ihr Jubelgeschrei lockte die anderen herbei, und bald waren die Ankommenden von allen ihren Lieben umringt. Sie konnten kaum aussteigen, jeder wollte ihnen helfen, jeder ihnen die Hand drücken, sie umarmen. Und dann standen sie doch endlich vor dem Wagen, und nun sahen es alle, daß Hans-Heinrich ein Krüppel war, sie hatten es gewußt, und der Anblick erschütterte sie doch. Luise hatte ganz tapfer sein, ihren Kummer nicht zeigen wollen, nun aber stürzten ihr doch die heißen Tränen aus den Augen, und weinend umschlang sie den Freund.

»Liebe kleine Luise,« sagte Hans-Heinrich mit einem stolzen Lächeln, »weine doch nicht, ich habe meinem Vaterland ein Opfer gebracht, andere müssen viel mehr leiden als ich.«

Da hob Luise die dunkeln Augen zu ihm auf, und fast feierlich rief sie: »Ach, Hans-Heinrich, du bist wirklich ein Held!«


18. Kapitel.
Eine unterbrochene Geburtstagsfeier.

Die Winterstille lag nun wieder über Kloningken, und hohe Schneewälle schlossen das Dorf gleichsam von der Außenwelt ab. Dennoch fanden die Nachrichten von dem Kampf, der noch immer tobte, auch weiter ihren Weg in die winterliche Einsamkeit. Noch kämpften ja Klonigkener Söhne draußen für die Freiheit des Vaterlandes. Walter Flemming war zum Leutnant befördert worden, nach wochenlanger untätiger Wartezeit war er mit nach Frankreich gezogen. Er schrieb so oft er konnte, und er bestellte dann jedesmal Grüße von Christian Ragnit, der mit ihm im gleichen Regiment stand. Die Briefe, die der Herr Leutnant, denn anders wurde der Pfarrerssohn im Dorf nun nicht mehr genannt, in die Heimat sandte, bildeten immer tagelang das Gespräch der Leute.