Bei des Freundes Berichten wallte in Hans-Heinrich dann doch oft eine zornige Ungeduld auf, daß er daheim sitzen mußte. Es waren schwere Zeiten für ihn, er erlangte nach den Anstrengungen der Reise nur langsam seine Kraft wieder, und wochenlang mußte er noch stilliegen. Seiner Mutter verschwieg er seine Sehnsucht, um ihr nicht das Herz schwer zu machen, nur Luise war die Vertraute seiner Schmerzen. Und niemand verstand es auch besser als Luise, ihn immer wieder über trübe Stunden hinwegzubringen. Sie saß mit nimmermüder Geduld an seinem Lager, und sie war, zu Jungfer Karolines maßloser Verwunderung, kein Quirl, kein Wirbelwind mehr. Ja, sie ließ sich sogar von Hans-Heinrich, um ihn zu zerstreuen, in die Geheimnisse der lateinischen Sprache einweihen. Das gab dann fröhliche Stunden, an denen auch Renate teilnahm und bei denen der junge Lehrer oft alle seine Schmerzen vergaß.

So vergingen die Wintertage und der März kam mit warmen Winden, mit Sonnenschein und Frühlingshoffen. Am zehnten März feierte man in Kloningken den Geburtstag der Gutsherrin. In der Sorge und Not des vergangenen Jahres hatte niemand an eine Feier gedacht, in diesem Jahre aber hatte Frau Friederike selbst Gäste eingeladen, sie wollte dem Sohn einen heiteren Tag schaffen. Die Bewohner des Pfarrhauses waren gekommen, Magister Richter fehlte nicht, und aus Schönheide war Frau von Seeheim mit ihren Töchtern auch zur Feier eingetroffen. Sie hatte die Nachricht von ihrem Mann gebracht, daß er bald heimkehren würde. Er hatte bei einem kleinen Gefecht eine unbedeutende Wunde empfangen, die ihn aber doch zwang, sich einige Zeit zu schonen, und da, wie er schrieb, die Hauptarbeit nun ja getan sei, hatte er um seine vorläufige Entlassung gebeten, um daheim einmal nach dem Rechten zu sehen. Seine Frau und seine Töchter erwarteten seine Heimkehr voll froher Ungeduld, sie waren nur auf dringende Bitten Frau Friederikes nach Kloningken gekommen, weil sie fürchteten, der Erwartete könnte inzwischen heimkehren. Erst der Einwand, daß der Freiherr ja durch Kloningken kommen müßte, hatte sie hergelockt. Nun hielten die größeren Dorfbuben auf der Landstraße Wache, damit ja ungesehen kein Wagen durchfuhr, und in die fröhliche Geburtstagsgesellschaft hinein platzte allviertelstündlich ein kleiner Bote mit der Nachricht: »'s kommt nicht wer!«

»Der Vetter wird wohl kaum just an meinem Geburtstag kommen,« sagte Frau Friederike, aber Luise sagte hoffnungsfroh: »Ich glaube, er kommt doch, und – er bringt sicher Walter mit, oder eine Nachricht von ihm!«

Pfarrer Flemming und seine Frau sahen sich an, auf beider Gesichter lag eine stille Sorge, denn seit Wochen hatten sie keine Nachricht mehr von ihrem Sohn erhalten. Renate sah die sorgenden Blicke, und ihr stilles, blasses Gesichtchen wurde noch um einen Schein bleicher. Je länger der Krieg dauerte, je größer wurde ihre Angst um den Freund, seit sie ihn in Frankreich wußte, schien ihr die Gefahr, in der er schwebte, noch gewachsen zu sein.

»Der Krieg ist doch noch nicht zu Ende, Luise,« sagte Hans-Heinrich ein wenig verweisend, »wie kann Walter denn da heimkommen.«

»Na,« rief Luise in ihrer sorglosen Unbekümmertheit, »er kann doch sagen, ich will mal meine Eltern besuchen, Vater sagt doch, jetzt wäre der Krieg nicht mehr so schlimm!«

Draußen auf dem Flur entstand plötzlich ein lautes Geschrei und Jungfer Karoline riß die Türe auf, ihr nach stürmten etliche Dorfbuben mit dem Rufe: »Nun ist er da!«

Im ersten Augenblick hielten es alle im Zimmer für einen Scherz, denn im Grunde hatten sie alle nicht geglaubt, daß der Erwartete kommen würde, aber da fuhr schon draußen ein Wagen vor, und wenige Sekunden später lag Frau Henriette in den Armen ihres Gatten, und die Töchter umringten jauchzend den heimgekehrten Vater. In der Freude der ersten Minuten fragten und riefen alle durcheinander, und der Freiherr von Seeheim erhielt so viele Küsse und Umarmungen, daß er schließlich lachend und pustend sagte: »Erbarmt euch, Mariellchens, das ist ja schlimmer als in einer Schlacht, uff, laßt mich nur mal los!«

Da ließen die Töchter vom Vater ab, seine Frau aber hielt seine Hand fest, als würde er sonst wieder von ihr gehen. Nun begrüßte der Freiherr seine Cousine und die andern. Hans-Heinrich schloß er bewegt in seine Arme, und dann reichte er Frau Charlotte die Hand, er tat es herzlich, wie immer, und doch fühlte die Pfarrerin, daß sein Blick dem ihren auswich, und daß sein Gruß gezwungen klang. Und rasch, in plötzlich erwachter heißer Angst fragte sie: »Haben Sie meinen Sohn gesehen – bringen Sie mir Nachricht von ihm?«