Der Freiherr schwieg, sein Gesicht war tiefernst geworden, und auf einmal fühlten es alle, er brachte eine trübe Nachricht mit.

»Mein Sohn – er –« flüsterte Frau Charlotte mit versagender Stimme.

Da nahm der Freiherr von Seeheim rasch ihre Hände in die seinen, und traurig ruhte sein Blick auf der bleichen Frau. »Er starb wie ein Held,« sagte er ernst und feierlich.

Niemand sprach, niemand fragte, der Pfarrer hatte in wortlosem Schmerz sein Weib umschlungen, und Luise war neben Renate, die bleich, wie erstarrt, am Fenster saß, weinend zusammengesunken. Da sagte der Freiherr in die schwere Stille hinein noch einmal: »Er starb wie ein Held.« Dann fuhr er fort: »Bei La Chaussee gab es am 3. Februar ein Gefecht, dabei wurde sein Oberst verwundet, den er selbst aus dem Feuer trug. Dann deckte er mit wenigen Kameraden, einem Transport Verwundeter und der Fahne den Rückzug, bis Verstärkung kam. Dabei fiel er, denn er focht als Anführer tollkühn und löwenmutig gegen die Übermacht der Angreifer. Später haben dann seine Kameraden, die ihn alle liebten, nach seiner Leiche gesucht, aber sie nicht mehr gefunden. Ich selbst ritt zwei Tage später an der Stelle vorbei, in der Nähe stand ein Haus, dessen Bewohner wir im Keller fanden. Als sie sich überzeugt hatten, daß wir nichts von ihnen wollten und ihnen nicht ihre kümmerliche Habe zu rauben gedachten, gaben sie uns Auskunft. Sie behaupteten, ihre Landsleute hätten am nächsten Tage einen jungen, fremden Soldaten, der neben einem hohen französischen Offizier gelegen hätte, mit sich genommen. Ich beschrieb ihnen unsern jungen Freund, da sagte die Frau: ›Herr, sie waren alle bleich, blutig, sie sahen alle jammervoll aus, wer sollte da einen herauskennen.‹ Ich habe mich dann noch da und dort erkundigt, aber niemand konnte mir weitere Auskunft geben, und seine Kameraden, die an seiner Seite gefochten haben, waren von seinem Tod überzeugt. Ich bin es auch!«

Der Freiherr schwieg und der Pfarrer gab ihm stumm die Hand. Frau Charlotte aber erhob sich schwer, »wir wollen heimgehen,« sagte sie leise, und ihr Blick suchte ihre Kinder. Schluchzend klammerte sich Luise an die Mutter an, Fritzel weinte leise mit, obgleich er das tiefe Leid erst ahnte. Niemand wagte die Eltern mit ihren Kindern zurückzuhalten, sie fühlten alle, es war nicht die Stunde, um Trostworte zu sagen, und so schied die vorher so fröhliche Gesellschaft still voneinander.

Freiherr Franz von Seeheim fuhr mit den Seinen heim, die Freude, einander wiederzuhaben, überwand, je näher sie Schönheide kamen, die traurige Stimmung, und bei dem Jubel, mit dem die Schönheider Bauern ihren Gutsherrn begrüßten, erhellte sich dessen ernstes Gesicht. »Es ist doch gut sein in der Heimat, Henriette,« sagte er bewegt, »und daß wir die Franzosen rausgejagt haben, dafür will ich jeden Tag meines Lebens danken!«

In Kloningken saß Frau Friederike mit ihrem Sohn bis tief in die Nacht hinein in schmerzlicher Trauer beisammen, sie sprachen viel von Walter, der in fremder Erde ruhte, und Hans-Heinrich schämte sich der Tränen nicht, die um den Freund flossen. Mutter und Sohn ahnten beide nicht, daß nicht weit von ihnen ein junges Herz das schwerste Leid seines Lebens trug. Renate war nach der Erzählung ihres Oheims still aus dem Zimmer gegangen, und niemand hatte sonderlich auf sie geachtet. Es wußte ja niemand, wie innig sie den Jugendfreund geliebt hatte. Nur Frau Charlotte ahnte es, aber diese dachte in dieser Stunde auch nicht an das einsame Kind. Und doch sehnte sich Renate unsagbar nach ihr. Sie saß in tränenlosem Leid in ihrem Zimmerchen und dachte: Könnte ich jetzt bei seiner Mutter sein und mich an ihrem Herzen ausweinen. Sie dachte an all die frohen Stunden, die sie mit Walter verlebt hatte, an seinen Ernst, und wie er, trotz seiner Jugend, schon in manchem ihr Lehrer gewesen war. Ihr Jammer war so groß, daß sie nicht einmal Tränen fand, und an diesen ungeweinten Tränen meinte sie fast zu ersticken.

Endlich sprang sie auf, sie hielt es in der Einsamkeit nicht mehr aus, und sie lief, so wie sie war, in ihrem weißen Festkleid, hinunter. Zu ihrer Tante wollte sie, als sie aber vor der Türe stand, hörte sie drinnen Mutter und Sohn miteinander sprechen. Die zaghafte Scheu, die ihr so oft den Mund verschloß, trieb sie auch jetzt hinweg, die beiden da drinnen brauchten sie nicht, vermißten sie nicht, sie waren sich selbst genug. So lief sie denn hinaus, und draußen umfing sie brausend der Frühlingssturm. Sie schlug ganz unwillkürlich den Weg nach dem Pfarrhaus ein. So wie damals im Winter den Verirrten, leuchtete auch ihr heute das Licht entgegen, und sie ging sehnsüchtig dem Lichte nach. Und dann stand sie draußen am Fenster, starrte in das trauliche Zimmer hinein und wagte doch nicht einzutreten. Die Pfarrersleute saßen still beieinander, Hand in Hand; Renate sah ihre traurigen, gramvollen Gesichter, und sie sah auch Luise und Fritzel auf dem Sofa liegen, im festen Schlaf, die beiden hatten sich wohl müde geweint. Ach, wenn sie doch auch nur weinen könnte, sie lehnte den Kopf an die Mauer, und das Weinspalier, das das Haus umzog, raschelte leicht.

Drinnen hob Pfarrer Flemming lauschend den Kopf. »Draußen ist jemand,« sagte er zu seiner Frau. Die sah mit tränenschwerem Blick nach dem Fenster, und sie sah ganz deutlich die weiße Gestalt des Mädchens stehen. Da wußte sie es, ohne daß es ihr jemand gesagt hatte, daß es Renate war, rasch stand sie auf und ging hinaus. »Renate, mein liebes Kind,« rief sie, »komm zu mir.«