Renate schluchzte laut auf, jetzt kamen ihr die erlösenden Tränen, und weinend sank sie in die Arme der Mutter, die sie ganz fest an ihr Herz nahm.
Der Pfarrer und seine Frau verstanden beide das junge Leid, und sie fanden auch den besten Trost dafür, sie umfingen Renate mit warmer Liebe, und so fand diese in der schwersten Stunde ihres jungen Lebens den köstlichen Schatz treuer Elternliebe.
19. Kapitel.
Im Frieden.
Drei Jahre waren vergangen. Deutschland hatte den so heiß ersehnten Frieden errungen, aber aus tausend Wunden blutend war es aus dem Kampfe hervorgegangen. Sein Wohlstand war vernichtet, Städte und Dörfer zum Teil zerstört, und Jahre schwerer Arbeit, harten Kampfes standen dem geprüften Land noch bevor, ehe es glücklich den Frieden genießen konnte.
Über Kloningken strahlte die helle Sommersonne, und der kleine Ort lag so friedlich da, von einem Kranze wogender Felder und früchtebeladener Bäume umgeben, als hätten nie die Wellen des Krieges bis hierher geschlagen. Und doch trugen auch hier die Bewohner noch an den Lasten der verflossenen Kriegsjahre, die einstmals wohlhabenden Bauern waren verarmt, und in Sorgen bestellte mancher sein Feld. Frau von Seeheim, die selbst schwere Verluste an Geld und Gut erlitten hatte, linderte trotzdem bereitwillig die Not der andern, und sie stand vielen mit Rat und Tat hilfreich bei. Wenn möglich noch fester aber war in diesen Jahren das Band der Freundschaft zwischen Herrenhaus und Pfarrhaus geworden. Jetzt nahm Frau Friederike nicht mehr allein Liebe entgegen, sie gab auch diese in reichlichem Maße, und besonders Luise war ihrem Herzen immer teurer geworden. Es verging kaum ein Tag, an dem man Luises helle Stimme nicht im Gutshaus hörte, und das halbe Jahr, das diese auf Wunsch ihrer Mutter nach der Einsegnung in Königsberg bei Verwandten zugebracht hatte, war allen unendlich lang erschienen.
Und wieder einmal war, wie so manchmal, aus dem Pfarrhause lieber Besuch gekommen. Charlotte Flemming saß im Garten neben Frau Friederike und beide sahen lächelnd Luise zu, die einen Zweig des Baumes, unter dem die Frauen saßen, herabgezogen hatte und einige gelbe Frühbirnen abpflückte. »Wirklich, man kann sie schon essen,« sagte sie und biß herzhaft mit ihren weißen Zähnen in die saftige Frucht, »schade, daß ich nun schon zu groß bin, ich möchte gleich hinaufklettern, oben sitzen die allerschönsten.« Sie sprang ein wenig empor und suchte einen Ast zu erhaschen, dabei verfing sich ihr lockiges Haar in den Zweigen, und dann mußte sie sich erst mühsam aus der unfreiwilligen Gefangenschaft befreien, »wie weiland Absalom,« rief sie übermütig.
»Du bist und bleibst ein Wildfang, Luise,« sagte die Mutter, und doch ruhten ihre Augen mit zärtlichem Wohlgefallen auf dem blühenden Mädchen. Ja, hübsch war die kleine Luise geworden, groß und schlank, das dunkle Haar, das wieder nachgewachsen war, krauste sich noch immer eigensinnig um die weiße Stirn, die dunkeln Augen strahlten noch immer im alten Übermut, und noch immer lachten die roten Lippen so gern. Es war ihr gelungen, eine ganze Anzahl von Birnen zu pflücken, die sie nun auf dem Tische ausbreitete. »Hoffentlich kommt Renate bald, um meinen Raub mit mir zu teilen,« sagte sie – »doch, ach, da kommt sie, als hätte sie meinen Ruf gehört.« Luise sprang hastig auf und eilte der Freundin entgegen, die die lange Ulmenallee vom Herrenhaus her entlangkam. »Endlich, endlich!« rief sie, sich an deren Arm hängend.