Renate hatte ihren großen Hut abgenommen und trug ihn am Arm, ein helles Kleid umschloß ihre schlanke Gestalt, das feine Gesicht mit der hohen edeln Stirn, um die schlicht das blonde Haar lag, und den großen, sanften Augen, trug, wie immer, einen Ausdruck sinnigen Ernstes. »Ich war bei der Großmutter Romeike, die sehr schwach ist,« sagte sie, »unterwegs sah ich deinen Vater kommen, Luise, der aus der Stadt zurückkehrte, er wird bald herüberkommen, er sagte, er brächte eine freudige Überraschung mit.«
»O, sicher einen Brief von Hans-Heinrich,« jubelte Luise, »glauben Sie es nicht auch, Tante?«
Frau Friederike nickte freundlich. »Wir wollen es hoffen,« sagte sie, »ich sehne mich nach einer Nachricht von ihm.«
Die Mädchen hatten sich an dem Tisch niedergelassen, Luise nahm eine Arbeit zur Hand, und flink, wie die Nadel, ging auch ihr Zünglein. In ihrer lebhaften Art besprach sie eifrig den Inhalt des erwarteten Briefes, der sicher von Hans-Heinrich war. Der junge Mann weilte seit einigen Monaten in Berlin, als Gast des alten Generals von M., bei dem er auf der Rückfahrt von Leipzig gewesen war. Der hatte ihn seitdem oft herzlich eingeladen, aber erst in diesem Jahre war Hans-Heinrich der freundlichen Aufforderung gefolgt. Nun, da die Ernte beginnen sollte, wurde der junge Herr zurückerwartet, denn Frau von Seeheim hatte die Verwaltung des Gutes in des Sohnes Hände gelegt, an dessen Seite schaffte, an Stelle des bei Leipzig gefallenen Vogts, Friedrich, der achtfingrige, wie Fritz ihn nannte.
Charlotte Flemming erkundigte sich unterdessen bei Renate nach der Großmutter Romeike, und diese erzählte von ihrem Besuche, ernst und verständig sprach sie mit der mütterlichen Freundin, deren Blicke voll herzlicher Liebe auf ihr ruhten. Die sanfte, stille Renate war der Liebling aller Kranken und Bedürftigen im Dorf, aber Frau Charlotte wünschte im Herzen oft, sie möchte heiterer sein, mehr von Luises froher Lebenslust besitzen, einmal recht glücklich werden und ihr Jugendleid verwinden.
»Dort kommt der Vater,« unterbrach Luise ihre eigene Rede. Sie sprang lebhaft auf, riß beinahe den ganzen Tisch um und eilte dem Pfarrer entgegen, der mit Fritz daherkam, er zeigte schon von weitem einen Brief, den er dann lächelnd der Hausfrau überreichte.
»Ich bringe ihn selbst aus der Stadt mit, liebe Freundin, hoffentlich steht eine gute Nachricht darin!«
Frau Friederike erbrach das Siegel, sie durchflog rasch das Schreiben, es waren nur wenige Zeilen.
Aus Luises Gesicht stand die Neugier, und die Hausfrau sagte lachend: »Na, Mariellchen, du scheinst gar nicht wissen zu wollen, was in dem Briefe steht?«
»Er ist so kurz, das ist ein Zeichen, daß Hans-Heinrich bald heimkommt,« rief das Mädchen fröhlich.