»Ja, er kündet nun endlich seine Rückkehr an,« sagte Frau von Seeheim mit freudestrahlendem Gesicht. »Auch von einer Überraschung schreibt er noch, hört nur: Einen sehr lieben Gast für das Pfarrhaus bringe ich mit; ich bin sicher, er wird dort mit offenen Armen aufgenommen werden. Wie er heißt, mag Fräulein Luise in ihrer sechzehnjährigen Weisheit erraten.«

Luise verzog schmollend den Mund. »Immer neckt mich Hans-Heinrich, und dabei ist er kaum vier Jahre älter als ich; aber wer mag der Gast sein?«

Man riet hin und her, endlich sagte der Pfarrer: »Vielleicht ist es Herr von Lühenaar. Im vergangenen Winter schrieb er mir, daß er zum Sommer eine Reise beabsichtige und hoffe, dabei auch nach Kloningken kommen zu können.«

»Sicher, Väterchen, haben Sie richtig geraten,« rief Luise, und auch die Mutter nickte: »Es könnte wohl so sein, aber wer auch kommen mag, herzlich willkommen wollen wir ihn heißen.«

Frau Friederike, die nochmals das Schreiben gelesen, sagte: »Nach Hans-Heinrichs Brief zu urteilen, können die Reisenden bald eintreffen, er schreibt, sie wollten am nächsten Tag ihre Reise antreten und nur in Küstrin einen kurzen Aufenthalt nehmen.«

Man saß noch eine Weile zusammen und sprach von dem zu erwartenden Gast. In den vergangenen Jahren waren zwischen dem einstigen Pflegling und dem Pfarrer oft Briefe gewechselt worden, und das in schwerer Zeit geknüpfte Freundschaftsband hatte sich nicht gelockert. Wie an einen Sohn in der Ferne, so dachten die Pfarrersleute an den jungen Mann, und Hans-Heinrich hatte auch in ihm einen älteren Freund gefunden. Bisher hatten die Verhältnisse Herrn von Lühenaar die weite Reise noch nicht gestattet, auch er mußte in seiner Heimat aufbauen, was der Krieg zerstört hatte. Nun man ihn erwartete, rückte sein Bild allen nahe. Frau Charlotte gedachte mit mütterlicher Liebe des jungen Mannes, und Luise erging sich in allerlei Fragen, wie er Hans-Heinrich wohl in Berlin getroffen haben könnte, und wie wunderbar dies sei.

»Nicht ganz so wunderbar,« mischte sich der Pfarrer ein, »da mir Hans-Heinrich erzählte, er habe einen Brief an Herrn von Lühenaar gerichtet und von seiner Reise geschrieben.«

Luise nahm sich vor, das Grab des Franzosen noch zu schmücken, obgleich der Rosenstock, der darauf gepflanzt worden war, in voller Blüte stand.

So verging mit Plänemachen und Erinnerungen die Zeit, und Frau Charlotte mahnte an den Aufbruch. Sie meinte, es sei gut, noch heute einen Kuchen zu backen, zum festlichen Empfang des Gastes. So schied man froh voneinander, Luise hüpfte singend den Wiesenweg zum Heimathaus hin. »Morgen kommt vielleicht Hans-Heinrich,« trällerte sie nach einer selbsterfundenen Melodie. Die Eltern gingen still nebeneinander, nur einmal sagte die Pfarrerin aus schmerzlichem Erinnern heraus: »Könnten wir doch unsern Jungen so erwarten!«