Renate hatte still im fröhlichen Kreise gesessen und mit versonnenen Augen träumerisch in die Weite geschaut, was kümmerte sie der junge Mann, der da als Gast im Pfarrhaus einkehren wollte. Dennoch half sie am kommenden Morgen fleißig der Pfarrerin bei den Vorbereitungen für den Besuch. Diese schaffte gar emsig, denn, so blitzblank auch alles war, so entdeckte ihr scharfes Auge doch immer noch ein Stäubchen. Luise eilte, ein Liedchen singend, treppauf, treppab, neckte sich inzwischen einmal mit Fritz, hob das Kätzchen liebkosend auf den Arm, und umschlang im nächsten Augenblick Renate mit dem Jubelruf: »Ach, bin ich froh, ich kann es gar nicht sagen!« Dann lief sie wieder die Treppe hinab, denn aus der Küche erscholl der Mutter Stimme, die ihre Hilfe haben wollte.
Renate stieg die schmale Holztreppe hinauf, in das Zimmer, das für den Gast hergerichtet worden war. Oben stand sie einige Minuten still, da links lag die Kammer, die einst Walter bewohnt hatte, sie war unverändert geblieben, ein kleiner Erinnerungstempel für die Seinen. Auch heute hätte Renate gern diesen friedlichen, kleinen Winkel aufgesucht, sie dachte aber an ihr Versprechen, zu helfen, und so ging sie den Gang entlang, bis zu dem Fremdenzimmer. Das war schlicht, wie alle Räume im Pfarrhaus; Wand und Decke weiß getüncht und mit einer breiten, blauen Kante abgesetzt, das blendend weiße Bett, ein birkenes Spind, ein Waschtisch, einige Stühle und in der Mitte ein runder Tisch, über den eine zierlich gestickte Decke gebreitet war, bildeten die Einrichtung. Als einzigen Schmuck stellte das Mädchen eine hübsche Meißener Vase hin, die ein Staatsstück der Pfarrerin war, Renate hatte sie mit frischen Blumen gefüllt, damit, wenn der Gast kam, das Zimmer bereit war, welkten die Blumen inzwischen, so schadete es nichts, im Garten standen sie in köstlicher Fülle. Die Zentifolien und Balsaminen strömten süßen Duft aus, und der alte Lindenbaum vor dem Hause streckte seine Äste bis an das geöffnete Fenster heran, in seinen Zweigen zwitscherten die Vögel, denen er Wohnung gab. Sonst war es still im Zimmer. Regungslos stand Renate und sah hinaus in das weite Land, sie dachte an jenen Vorfrühlingstag, da sie von Walter Flemming Abschied genommen hatte. Sehnsuchtsvoll sah sie den ziehenden Wolken nach, die wie weiße Vögel am tiefblauen Sommerhimmel hinschwebten, könnte ich mit ihnen ziehen, dachte die einsame Träumerin, könnten sie mir wenigstens sein Grab zeigen, dann würde ich ruhiger werden.
In ihrem Sinnen hatte sie den leichten Schritt überhört, der die Treppe heraufkam, und sie fuhr nun erschreckt zusammen, als Luises helle Stimme ihren Namen rief. Luise hatte schon wieder etwas Wichtiges der Freundin mitzuteilen, dabei sah sie sich fröhlich im Zimmer um und rief: »Wie schön du die Blumen geordnet hast, nein, wirklich niemand kann es so gut wie du, sie stecken so zart und duftig in der Vase, daß es eine Freude ist, sie anzusehen. Ah sieh, Braut im Haar und brennende Liebe ist auch dabei,« sie drohte schelmisch mit dem Finger, »Renate, Renate, wer weiß, was das für eine Bedeutung hat! Ich denke schon immer daran, ob dir der geheimnisvolle Gast nicht gefährlich wird, wenn es wirklich dieser Herr von Lühenaar wäre, er war damals schon so nett zu dir, mich behandelte er immer wie ein Kind.«
»Du nennst mich eine Träumerin, Luise, und träumst doch selbst am hellen Tag!«
»Ich bin so froh, Renate, und das muß doch eine gute Vorbedeutung haben,« rief Luise lachend, die Freundin umschlingend.
»Vielleicht rührt deine heitere Stimmung auch davon her, daß Hans-Heinrich zurückkommt?« neckte Renate.
Da wurde Luise blutrot. »Ach Unsinn!« rief sie und eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab, damit die Freundin ihre Verlegenheit nicht sehen sollte.
Renate lachte ihr leise nach. Die Neckerei hatte sie fröhlich gemacht, und eifrig putzte sie nun noch einmal im Stübchen jeden Gegenstand ab, als erwartete sie, daß Herr von Lühenaar die allerstrengste Prüfung vornehmen würde.