Schlußkapitel.
Durch Leid zum Glück.
Am Spätnachmittag dieses Tages kam Renate von dem Hof Daniel Romeikes, wo die alte Großmutter Marie krank lag, sie hatte bei der alten Frau gesessen und ihr aus der Bibel vorgelesen. Das Gehöft des Bauern lag etwas abseits vom Dorfe, und so schlug das Mädchen einen Feldweg ein, der dicht beim Pfarrhaus endete. Sie strich, während sie so dahinging, mit ihrer Hand über die Ähren, die bereits einen goldenen Schimmer trugen und die bald die Hand des Schnitters niederstrecken würde. Die Sonne stand tief im Westen, und wenn Renate aufsah, blendete ihr heller Glanz sie, sie legte die Hand vor die Augen, um besser sehen zu können. Luise hatte ihr entgegenkommen wollen, und sie schaute nach ihr aus. Die Freundin war nicht zu sehen, aber dort, wo der Feldweg auf die Landstraße mündete, stand, an einen Baum gelehnt, ein Mann. Sie konnte ihn nicht erkennen, daß es keiner der Bauern war, sah sie freilich, ein Fremder schien es ihr zu sein. Seine Figur hob sich dunkel von dem im leuchtendsten Abendrot glühenden Himmel ab. Einen Augenblick dachte sie, vielleicht ist es Herr von Lühenaar, aber ebenso rasch verwarf sie den Gedanken, der würde ja mit Hans-Heinrich zusammen kommen.
Sie schritt mit gesenktem Kopf weiter, und auf einmal fiel ein langer, schwarzer Schatten auf den sonnenbeschienenen Weg.
Sie schrak zusammen, blieb stehen und sah auf; vor ihr stand der Fremde.
Narrte sie das blendende Licht, war es ein Traum, der sie umfangen hielt?
Es flimmerte ihr rot vor den Augen, wie in einem Wirbel drehte sich alles um sie, die Bäume tanzten, die Felder schienen ineinander zu wogen, und wie ein starkes Brausen ging es durch die Luft.
Renate schwankte, da legten sich zwei Arme um sie, und aus dem Tosen heraus klang, wie aus einer fernen, fernen Welt eine Stimme an ihr Ohr. »Renate, meine Renate!«