»Komm, wir wollen gehen und sehen, wer es ist,« sagte der Pfarrer, und seine Stimme klang gepreßt. Hand in Hand ging Charlotte Flemming mit ihrem Gatten, sie gingen wie zwei Kinder, die die Hoffnung auf eine große Freude haben und die doch fürchten, sie könnten getäuscht werden. So traten sie beide in die Haustür, gerade als Walter mit Renate durch den Garten kam. »Walter!« – »Mein Sohn!«

In diesen Rufen lag all der heiße Schmerz der langen Jahre, den die Elternherzen um ihren Sohn gelitten hatten, das namenlose Glück, ihn wiederzuhaben.

Sie hielten ihn in ihren Armen und meinten zu träumen, gerade wie vorher Renate.

Und dann saßen sie im Zimmer, mitten unter ihnen der Totgeglaubte, der so heiß Beweinte, die Eltern hielten seine Hände in den ihren, und die Tränen liefen ihnen aus den Augen, aber es waren Freudentränen. Und Luise lachte und weinte und versicherte immer wieder, sie hätte geahnt, daß der Bruder wiederkehren würde, sie umarmte Renate, die ganz still, mit großen, verklärten Augen dasaß, und Fritzel jauchzte, und in allen Jubel, alles Fragen und Antworten hinein sagte die Mutter mit bebender Stimme: »Er ist es wirklich, o, mein Gott, wie danke ich dir!«

Und dann kamen vom Herrenhaus her Frau Friederike und Hans-Heinrich, letzterer rief schon an der Tür: »Ist der Gast, den ich euch brachte, nicht willkommen?«

Walter Flemming ist wieder da, der Totgeglaubte zurückgekehrt!

Die Kunde kam ins Dorf, so schnell wie damals die Nachricht von dem großen Sieg bei Leipzig. Jungfer Karoline kam gleich nach ihrer Herrin, sie war noch schnell in den Garten gelaufen und hatte Blumen gepflückt, in ihrer Aufregung hatte sie lauter große, leuchtende Feuerlilien abgebrochen, daran roch sie unterwegs fortwährend, und so wurde ihre Nase ganz gelb. Als sie in das Zimmer kam und Walter sitzen sah, da vergaß sie sogar ihre feierlichen Verbeugungen, ihre geschraubten Redensarten, sie fiel dem jungen Mann einfach um den Hals, und ihr altes, gutes Gesicht strahlte vor Freude; im Überschwang der Gefühle umarmte sie dann Luise und gab ihr die Feuerlilien. Dann tat sich wieder die Tür auf, und der Magister Fürchtegott Richter erschien. »Ist's möglich, ist's möglich, hat unser lieber Herrgott ein Wunder getan?« rief er.

Franz Strobeck, der Schmied, ließ den Hammer wuchtig niederfallen, als seine Frau die Worte in die Werkstatt rief: »Pfarrers Walter ist wieder da!«

»Daß gleich das Donnerwetter dreinschlage, Alte, was sagst du?« Franz Strobeck lief zur Schmiede hinaus, dem Pfarrhaus zu, und nahm sich nicht einmal Zeit, die Ärmel seines blauen Hemdes wieder über seine rußigen Arme zu streifen. Einer nach dem andern kam, um den Heimgekehrten zu begrüßen, und Walter Flemming hatte kaum Zeit, all die Hände zu drücken, die sich ihm entgegenstreckten, und alle die Fragen zu beantworten: »Wo er so lange gewesen sei?«