Die alte Frau nickte, »so sagen sie, und da werde ich ihn bald wiedersehen,« dann legte sie segnend ihre welken, arbeitsmüden Hände auf Walters Haupt.
Am Abend kam von Schönheide der Freiherr Franz herübergeritten, der lange Friedrich hatte ihm einen Boten gesandt, er saß mit in dem Familienkreise, und nun erst konnte Walter seine Erlebnisse berichten, sie saßen alle zusammen in dem Wohnzimmer, durch das offene Fenster strömte die warme Sommerluft in das Gemach, und Nachtschmetterlinge flatterten, von dem Licht angezogen, herein: »Wie schön es daheim ist,« sagte Walter leise, »ach wie oft habe ich an die Heimat gedacht. Im Schlachtenlärm, bei den langen Märschen, im Feindesland und dann in der langen, langen Gefangenschaft. Bei Leipzig bin ich gut fortgekommen, und dann später auch bei unserm Marsch nach Frankreich. Bis zu dem Tag von La Chaussee, es war kein heißer Tag, wie der von Leipzig, aber doch fiel mancher meiner Kameraden. Wir waren ein Häuflein, das abgetrennt war von den andern, unser Oberst war verwundet worden, unsere Fahne in Gefahr, da haben wir denn versucht, den Rückzug zu decken, bis die Verstärkung kam. Ich erhielt einen Schuß, wie ein Schlag war es, und ich weiß nur noch, daß ich das laute Siegesgeschrei der Unsern hörte, wie ich zu Boden sank. Ich mußte wohl lange ohne Besinnung gelegen haben, als ich erwachte, war es dunkel um mich her, ich empfand einen rasenden Schmerz in der Brust, und brennender Durst quälte mich, ich versuchte, mich aufzurichten, aber stöhnend sank ich wieder zurück. Ich sah über mir an dem dunkeln Nachthimmel einige Sterne glitzern, und manchmal klang das Wimmern und Stöhnen derer an mein Ohr, die gleich mir verwundet und verlassen auf dem Schlachtfeld lagen. Ich war so matt und schloß wieder die Augen, und auf einmal klang wie aus weiter Ferne Hilferuf an mein Ohr, und zugleich empfand ich wieder den rasenden Schmerz. Ich öffnete mühsam die Augen, neben mir lag jemand, ich konnte eine dunkle Gestalt erkennen, und dann hörte ich Worte, ein Flehen war es um Wasser, ein jammervolles Bitten. Es war ein französischer Offizier. Mühsam suchte ich meine Feldflasche, nur das Jammern meines Nachbars gab mir die Kraft zu dieser Anstrengung. Ich fand die Flasche und reichte sie dem Offizier, ich hörte noch seinen Dank, dann verlor ich wieder das Bewußtsein.
»Ich muß wohl lange so gelegen haben. Einmal war es mir, als hörte ich Stimmen, dann wieder hatte ich das Gefühl, als schwebte ich, und dann war ich wieder in der Heimat, ich hörte alle eure lieben Stimmen und dann wieder Schreien und Tosen. Als ich endlich zum Bewußtsein kam, lag ich auf einem Wagen, der langsam dahinfuhr. Ich richtete mich mühsam auf, und sah nun neben mir, vor mir, hinter mir französische Soldaten. Stumm zogen sie ihres Weges, und es war ein seltsames Bild, wie ein Gespensterzug, schweigend und finster zogen sie einher. Ich lag auf Stroh, und mein Lager war keineswegs sehr bequem, da der Wagen hin und her schwankte, außerdem schmerzten Brust und Kopf mich heftig, ich drehte mich ein wenig zur Seite, da sah ich einen französischen Offizier liegen, ihm war aus Stroh und Mänteln ein etwas bequemeres Lager bereitet. Als er sah, daß ich wachte, richtete er einige freundliche Worte an mich und winkte dann einem Soldaten, der mir Brot und Wasser reichte; heißhungrig griff ich zu, und kaum hatte ich mein Mahl beendet, da schlief ich schon wieder ein. Es kam mir kaum zum Bewußtsein, daß ich in französischer Gefangenschaft war. Anfangs fühlte ich auch die Härten der Gefangenschaft nicht allzu sehr. General Maillard sorgte gut für mich, aus Dankbarkeit, daß ich ihm auf dem Schlachtfelde die Flasche gereicht hatte. Wir kamen nach einem Lazarett in eine kleine Stadt, dort lag ich viele Wochen schwer krank, und während dieser Zeit wandelte sich mein Schicksal, mein Beschützer starb. Fast schon genesen war er, da trat eine Verschlimmerung ein, und gerade an dem Tage, an dem der Arzt mir sagte, ich würde vollständig gesund werden, starb der General. Ich fühlte es bald, daß ich ihn verloren hatte, auf seinen Befehl hatten mich damals die Soldaten vom Schlachtfeld mitgenommen, nun war ich ein überflüssiger, verhaßter »Prussien«. Er hat es gut mit mir im Sinn gehabt, mein Beschützer, er wollte sich dankbar erweisen, und doch, welchem Elend hat er mich ausgeliefert. Eine Zeitlang blieb ich noch in dem Lazarett, von dort aus schrieb ich an euch. Einem Wärter opferte ich alles, was ich noch an Wertsachen besaß, damit er den Brief befördere, daß er nie angekommen ist, hat mir Hans-Heinrich erzählt. Später wurde ich mit vier Leidensgefährten, einem preußischen, zwei österreichischen und einem russischen Offizier nach St. J., einer kleinen Festung, nahe der spanischen Grenze, gebracht. Wir schlossen uns bald aneinander an, wir sprachen von unserer Heimat, von unserer Hoffnung, bald frei zu kommen, aber meine Kameraden waren alle verwundet, und die feuchte, moderige Luft in den Kasematten von St. J. zerstörte ihre schwache Lebenskraft. Wir waren nicht lange zusammen, einer nach dem andern nahm Abschied für immer, und eines Tages trug man den letzten meiner Gefährten hinaus, wo er klanglos begraben wurde, und ich war allein.
»Allein! – O, ihr könnt nicht ermessen, wie oft ich verzweifelt dieses ›Allein‹ empfunden habe, wie oft ich die heiße Stirn an die feuchte, kalte Mauer meines Gefängnisses gepreßt habe, und geweint in ohnmächtigem Schmerz. Allein! – Verlassen! – Vergessen! –
»Die Tage schlichen hin, einer wie der andere, so trostlos, sie wurden zu Wochen, zu Monaten und Jahren. Ich wußte in meiner engen Zelle nicht, wie draußen der Welt Lauf war, ich wußte nicht, ob mein Vaterland seine Freiheit errungen hatte oder ob noch die Hand des Eroberers auf ihm lag. Ich saß in meiner Zelle, von der ich durch ein stark vergittertes Fenster ein Stück Himmel und eine graue Mauer sehen konnte, dies war meine Welt. Als besondere Gnade mußte ich es ansehen, daß man mir einige Bücher gegeben hatte, es waren drei Stück, ein Gebetbuch in lateinischer Sprache, ein altfranzösisches Legendenbuch und einen Band Diderot. Wie froh war ich, liebe Mutter, daß Sie mich Französisch gelehrt hatten, und wie oft habe ich früher darüber gemurrt, daß ich es lernen mußte. Zuletzt konnte ich die Bücher fast auswendig, und doch habe ich sie immer und immer wieder gelesen, nur um die tödliche Einsamkeit zu überwinden. Manchmal habe ich auch laut mit mir gesprochen, um eine Stimme zu hören, schaurig klang sie mir in dem düsteren Raum. Wäre ich nicht so jung gewesen und hätte ich nicht immer ein Stückchen des Himmels gesehen, so wäre ich völlig verzweifelt, so aber kam immer wieder die Hoffnung in mein Herz.
»Ich sann auf Flucht. – Ich begann mit den Händen an der Mauer zu kratzen, sie schien mich zu höhnen in ihrer Dicke und Undurchdringlichkeit, ich lag auf dem Boden und untersuchte die Steinfliesen, sie spotteten meiner Kraft.
»Ich habe die abenteuerlichsten Gedanken gehabt, um frei zu werden, aber was half mir alles. Ich zerschnitt mein Bettuch in schmale Streifen, und wie ich mitten in der Arbeit war, kam mein Schließer und nahm mir mit finsterem Lachen meinen halbvollendeten Strick fort. Seitdem verdoppelte er seine Aufmerksamkeit. Er hatte, wenn er mir meine Nahrung brachte, auf alle meine Fragen nur eine kurze, barsche Antwort, sein finsteres Gesicht erhellte nie ein freundlicher Zug. Einmal des Tages durfte ich für kurze Zeit auf dem Hof der Festung Luft schöpfen, mein Wärter ging hinter mir her, mich unablässig bewachend, öde, trostlos waren diese kurzen Gänge, und doch habe ich mich auf sie gefreut, sehnte mich nach ihnen wie nach einem Glück.
»Und dann kam meine Befreiung!
»Eines Tages saß ich in finstere Gedanken vertieft und sah auf das kleine Fenster, das mit seinem starken Gitter mich höhnte, da öffnete sich plötzlich die Tür, und auf der Schwelle standen zwei französische Offiziere. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung, was wollten sie von mir, brachten sie mir Freiheit oder Tod? Ich konnte anfangs vor Aufregung kaum sprechen, und als der eine der beiden sagte, ›er brächte mir Freiheit‹, da weinte ich wie ein Kind.
»Endlich faßte ich mich soweit, um die Fragen der Offiziere zu beantworten, und ich erfuhr von ihnen, daß bereits im November zum zweiten Male Frieden geschlossen sei, jetzt war es April. Der alte Kommandant der Festung hatte es unterlassen, meine Anwesenheit zu melden, er überließ mich dem Schließer, der genau die Befehle befolgte, die er am Tage meiner Einlieferung erhalten hatte. Hätten die beiden Offiziere, die, auf einer Inspektionsreise begriffen, in die Festung gekommen waren, nicht durch einen Soldaten erfahren, daß sich hier ein Gefangener befände, man hätte mich ruhig weiter um meine Jugend, meine Freiheit betrogen.