»Die Offiziere behandelten mich mit großer Höflichkeit, die ganze Sache war ihnen sichtlich unangenehm. Einige Wochen mußte ich noch in St. J. verweilen, dann kam eines Tages der Befehl, ich könne reisen. Ich bekam eine kleine Summe Geld ausgehändigt, mußte mein Ehrenwort geben, Frankreich so schnell wie möglich zu verlassen, man übergab mir noch einen Brief an den französischen Gesandten in Berlin, und an einem wundervollen Frühlingsmorgen fuhr ich von St. J. fort, hinein in die Welt, ein freier Mann.

»Mein Weg führte mich über Bordeaux durch das schöne, blühende, üppige Weinland hindurch, ich, der ich so lange nichts wie den öden Festungshof gesehen hatte, befand mich wie in einem Traum, aber so viel Schönes ich auch sah, so anmutig die Reise verlief, den rechten Genuß hatte ich nicht, meine Sehnsucht nach der Heimat war zu groß. Und dann kam ich an den Rhein, sah den schönen Strom wieder, den ich im Winter einst überschritten hatte, überschritten in froher Siegeshoffnung. Ich hörte zum ersten Male wieder seit vielen Jahren deutsche Laute. Ich habe auf der Erde gelegen und den deutschen Boden geküßt. ›Heimat!‹ – ›Vaterland!‹ – Ich lachte den Leuten ins Gesicht, die mir einen deutschen Gruß boten, und dabei liefen mir die hellen Tränen über die Wangen.

»Ich mußte meinen Weg zum größten Teil in Deutschland zu Fuß zurücklegen, da meine Mittel nicht ausreichten, die Post zu bezahlen; so sehr dadurch meine Heimkehr sich verzögerte, so war es mir doch ein Genuß, durch deutsche Länder zu wandern. Meine durch die lange Gefangenschaft geschwächten Kräfte hoben sich, meine Haut bräunte sich, ich wurde wieder jung und stark.

»In Leipzig, über das mich mein Weg führte, weilte ich einen Tag, ich wanderte auf die Schlachtfelder hinaus, und freundliche Leute, die mir artig Auskunft gaben, erzählten mir viel von jenen Schreckenstagen. Ich sah die weiten Ebenen, die unser Blut getränkt hat, jetzt wogt das Korn auf den Feldern und die Spuren sind zum Teil verwischt. Endlich kann unser Volk aufatmen in Freiheit!

»Was soll ich noch weiter erzählen, von meiner Ankunft in Berlin, wo ich mich meldete, den Brief an den Gesandten abgab, der die Wahrheit meiner Worte bestätigte, von dem Wiedersehen mit Hans-Heinrich, von meinem Glück, Kunde aus der Heimat zu hören. Und dann die Unruhe, die immer mehr wachsende Ungeduld und Sehnsucht, als die Gegend bekannter wurde; als unser See, der Wald auftauchte, und ich mich kurz vor dem Dorfe trennte, um allein ins Vaterhaus zu gehen.«

Walter schwieg, und eine Weile lag tiefes Schweigen auf dem kleinen Kreise. Auch der Heimgekehrte sann der vergangenen Zeit nach, der trüben, schweren Zeit, doch die lag hinter ihm, und eine frohe Gegenwart war da. Er sah auf Renate, und er begegnete ihrem warmen, treuen Blick, da richtete er sich straff auf und sagte mit froher Stimme: »Die Heimat hat mich gleich reich gemacht. Hier, an der Schwelle des Vaterhauses, trat mir mein Glück entgegen, diejenige, deren Bild in meinem Knabenherzen ich mit mir nahm, traf ich als liebliche Jungfrau wieder. Sie, die fast noch ein Kind war, als ich Abschied nahm, hat treu in ihrem Herzen die Liebe für mich bewahrt, Vater, Mutter, darf der heimgekehrte Sohn euch auch die Tochter ins Haus führen?«

Wie gern gaben die Eltern ihren Segen, wie strahlten ihre Augen in dankbarem Glück, als sie die Kinder in die Arme schlossen, und wie freudig bewegt zog auch Frau Friederike die beiden an ihr Herz, und Luise flüsterte: »Brennende Liebe und Braut im Haar, o, Renate, was sagte ich dir heute!«

Da traf Hans-Heinrichs Blick den ihren, und eine heiße Glut stieg ihr in die Wangen, ihre Augen ruhten ineinander und ihre Herzen erfüllte die glückselige Ahnung einer schönen kommenden Zeit.

»Meine Renate wird noch lange des Tages harren müssen, an dem ich ihr ein Heim bieten kann,« sagte Walter dann ernst, »denn nun erst muß ich beginnen, mir eine Lebensarbeit zu suchen. Als ich ein Knabe war, erschien mir die Heimat eng, ich sehnte mich in die Weite, und nun ich in der Ferne die Enge kennen gelernt habe, erscheint mir die Heimat weit und schön, meines Herzens Wunsch ist, ich könnte in der Heimat bleiben. Vielleicht hat die Heimat Raum für einen, der sich aus vollem Herzen nach Arbeit sehnt. Auf welchen Platz mich das Schicksal auch hinstellt, ich will arbeiten, danach habe ich mich gesehnt als ich im Gefängnis lag, wie sehr kann nur der ermessen, der solche Zeit durchlitten hat.«

»Die Zeit liegt noch nicht fern, da standen wir einmütig auf, einer des anderen Bruder im Kampfe fürs Vaterland, so wollen wir es auch im Frieden halten und einmütig zueinander stehen,« rief der Freiherr Franz von Seeheim. »Braver Junge du, was ich tun kann, dir und meiner lieben Nichte einen Hausstand zu gründen, soll geschehen, und wie mir scheint, hegt meine liebe Base Friederike die gleiche Ansicht!«