Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen ein paar Löcher in den Fahnen entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. »Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie doch nicht!

Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt. Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam, erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen: »Wir helfen.«

Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.«

»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel.

»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war, daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, ins Bett, marsch!«

Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen zu Muhme Lenelies' Haus ziehen und Friede begrüßen.

»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen.

So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede. Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte. Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«

Friede reckte und streckte sich in seinem Bett. Wie schön war es wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien waren; was konnte man da alles unternehmen!

Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte.