»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.
»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen, einmal nur?«
»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe ich sie dir gern.«
»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig.
»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«
»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt.
»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte, daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war.
Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen.
Ein Mädel, das Geige spielt, hatten die Oberheudorfer noch nicht gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf. Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies, Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.