Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen Wald. Die Buchen, die da und dort in den Tannenwald hineingelaufen waren, und die Eichen, die am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid. Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne und schienen zu rufen: »Seht uns an, wir haben ein goldenes Gewand.« Ach, die armen Bäume konnten viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht des sonnenreichen Herbsttages, sie schwatzten nur vom Zirkus. Höchstens sagte mal eins: »Die Eicheln fallen schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße nach den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste hinein, denn Friede Hopserling zumal, der den einen Wagen führte, fuhr auch immer so seltsam dicht unter den Bäumen dahin.
Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und Jobst und Friede auf die Gäste. Fräulein Wunderlich war herübergekommen und hatte mit Frau Emma und Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot und Kuchen standen bereit, und hinten im Garten waren ein paar lange Tafeln gedeckt. Professor von Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab, schaute sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf die Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. Sie rannte immer zwischen Tor und Festplatz hin und her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie immer wieder. »Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!«
Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren Freude überlaut ist. Wenn er sich so recht innerlich im Herzen freute, war er meist sehr still. Aber Jobst besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben in Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie besessen. »Er ahnt, daß die Oberheudorfer kommen,« sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.«
Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten laut und vernehmlich über den Johannesplan, und ein paar Minuten lang war der stille Platz von dem fröhlichsten Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, die zwischen allen Buben und Mädeln aus Friede Hopserlings Wagen kletterte.
»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau vergnügt, »da bin ich auch einmal. Wenn man eingeladen wird und es so arg bequem hat, nach der Stadt zu kommen, ist es eine leichte Sache.«
Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg bequem sei, auf einem Mehlwagen zu fahren, denn sie war viele, viele Jahre als Botenfrau den weiten Weg zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen. Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel und Fräulein Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll entgegen, als wäre die einfache alte Frau ihnen schon eine gute, langvertraute Freundin.
Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr schön, aber das allerschönste war dann doch der Zirkus. Der war so groß, daß sicher das ganze Niederheudorfer Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem Kasperletheater, der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da war, hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel sagten gleich alle am Eingang: »Ah,« und sie waren ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug sagen konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, Stehenbleiben ist verboten.«
»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte Schnipfelbauers Fritz; aber als er von einem nachfolgenden Mann einen Puff in den Rücken erhielt, ging er doch eilig weiter.
Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen Wunsch; es war der, nur einmal im Leben ein richtiges Kasperle zu sehen. Ein Kasperle war für ihn das Allerlustigste, Allerschönste, was er sich denken konnte. Als nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang, entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er in ein nicht endenwollendes Gelächter ausbrach, in das seine Gefährten jauchzend einstimmten. Und weil es die Oberheudorfer vom Niederheudorfer Vogelschießen so gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!«
»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; der Zuruf paßte nicht in sein Spiel. Er fragte aber doch: »Woher seid ihr denn?«