»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von gegenüber kamen ein paar Bubenstimmen: »Herrjeh! die Oberheudorfer sind auch da!«
Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume hintereinander, so fix, daß Anton Friedlich bewundernd rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt plötzlich eine wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel aussah. Sie verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang in die Höhe, streckte erst das rechte, dann das linke Bein in die Luft und ergriff schließlich ein von der Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick das Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, den eine namenlose Angst um die schöne Dame ergriff, warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.«
»Seid doch still da oben,« rief der Clown.
»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer Gewohnheit, und das Pferd erschrak über das Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade in die Höhe.
Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown drohte mit der Faust. Nun sieht aber ein Clown, wenn er ernst sein will, erst recht komisch aus, und die Buben und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie vor Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und her wackelten. Das steckte an, der Zirkus dröhnte vor Lachen. Da aber keine lustige Nummer auf dem Programm stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste als Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch hinaus.
»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen sämtliche Oberheudorfer, und von neuem rauschte das Lachen durch den Zirkus.
»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte Muhme Lenelies, während Professor von Spiegel lachte, daß ihm nur immer die dicken Lachtränen über die Wangen rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der Professor jedoch schwieg und selbst lachte, achteten sie nicht auf der Muhme sanfte Mahnung, sondern brüllten: »Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!«
Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee an. Die schöne Dame war an dem Seil hochgeklettert und schwebte nun wie ein großer Schmetterling in der Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte Schulzens Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen immer runder und kugliger wurden.
Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem Boden ausgespanntes Seil, und aus der Luft schwebte eine Geige herab. Die ergriff sie und begann auf dem dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr Wunderlich hören, der möchte gut schelten!« Aber die Oberheudorfer gingen beinahe auseinander vor Staunen. Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter mit vier Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten sich auf die Hinterbeine, tanzten. Und Bäckermeisters Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar keine richtigen Pferde.«
»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten etliche Buben, und Mariele vergaß ihren Zweifel über dem Kasperle, das mit einem Purzelbaum in die Reitbahn schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber auf einmal – nein, das war doch nicht schön – fing der schwarze Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, sie hätten ihm etwas weggenommen.