Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich erst besinnen, daß der Ruf ihm galt. Ein paar Jungen standen neben ihm, der längste von ihnen war der Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so spöttisch und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut ins Gesicht stieg, was den andern zu lautem Lachen reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr Oberheudorfer! Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner Mütze?« Und ehe es sich Friede versah, sauste ihm die Mütze vom Kopfe und geriet schnell unter ein paar Bubenbeine.
»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, und weil er, der in Armut groß geworden war, das Neue stets schonte, hob er die Mütze eilig auf und sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie abscheulich von dir!«
»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der lange Junge. »Geh doch, klag's der Muhme Lenelies, Friede Pfennig!«
Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar Lehrer über den Schulhof gekommen wären, hätte es sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede ein Weilchen später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das Gefühl, unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte und lachte um ihn herum: »Friede Pfennig aus Oberheudorf ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.«
Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«
»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!«
Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen. Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch.
Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du! Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.« Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.
Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: »Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«