Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies, dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos; er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf: »Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«

Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten, wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das Messer in den Mund!«

Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel, Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden.

»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört, und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher komm zu mir.«

Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.«

Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme Lenelies!«

In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor, das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt. Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte. Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es doch wie damals!«

Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet, auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,« rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen Frühlingstag, he?«

Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit den hellen Augen gesehen haben.