»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden Buben, he?«
»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs Gymnasium gehen.«
»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und Mädels.«
Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder: »Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«
»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle hatten schön blank putzen wollen.
»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. »Da ist die Treppe, nun komm!«
Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei, drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.«
Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und – da stockte er und wurde blutrot.
»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der Professor.
»Ich – – – ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,« stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel.