»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut mit mir?«

Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs Verbot.

Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe, und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal, Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?«

»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen – – so – –,« und krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!«

»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte: »Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in deine Stunde, Kind!«

Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus dem Nachbargarten heraufschallen, und nun – was war das? – – – ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche, den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage, dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«

Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch der Herr das hörte!«

Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab.