Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in der Kehle. »Da! – Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach Oberheudorf zurück.«
Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen. »'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, »rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch, in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar nicht ansehen.
Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.«
»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben. Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier? Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«
»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse dich nicht, ich bleibe dein Freund.«
Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem Herzen?«
»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus, »er soll zwar gräßlich sein, aber – – aber – –«
»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher mit dir als mit uns.«
Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen, das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm geschwind seinen Hut.