»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder, nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich leide es nicht!«

Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie, stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren.

»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«

Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund wieder.«

Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte. Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch die gleiche Freundschaft hegten.

»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter, »der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«

Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.«

»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist uns dreien zur Versöhnung gekommen.«

Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen. »Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,« versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«

Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben, früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu schwer fertig!«