»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«
So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war.
Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer, als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so viele Gründe, einen Brief zu schreiben!
Heine Peterles Brief.
Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in der die meisten Oberheudorfer Kinder die Schule am liebsten hatten, – sie war nämlich aus. Die Schulglocke hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das Buch zugeklappt, und nun ging es laut und lustig auf der Dorfstraße zu. Und es war drollig: jene, die in der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der Lehrer fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte an diesem Tage auch Heine Peterle. In der Schule hatte er nichts gewußt, so wenig, daß es beinah zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen schwatzte er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und die Kinder nun alle aus dem Schulhaus herausgekommen waren, schritt der Postbote durch das Dorf. Allzuviel hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft saß meist in den Dörfern in der Nähe, und wenn ein Familienmitglied dem andern etwas sagen wollte, lief es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine Briefe, und so purzelten sämtliche Buben und Mädel vor Erstaunen beinahe um, als der Postbote auf die Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist für Heine Peterle Putzenkeller!«
Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er ein Fliegenschnapper werden, doch seine Gefährten brüllten gleich laut los: »Heine Peterle kriegt 'n Brief – 'n Briiiieef!«
»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief kriegen?« Der Postbote schmunzelte und hielt dem Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!« Aber der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, er stöhnte ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, war zu überwältigend.