»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du bist! Der Brief ist doch für uns alle!«
»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß ich'n lesen.«
»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«
»Ihr laßt mich ja nicht lesen.« Heine Peterle wurde immer zorniger, immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst muß ich ein Messer haben!«
»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel, Vater nimmt immer Muttern ihre.«
Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«
»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!«
»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da guck mal meins!«
»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem angepriesenen Messer in die Hand geritzt.
»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los – sonst – sonst – eß ich den Brief auf!«