Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä, mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.
»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder, die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir lassen ihn nicht aufessen.«
»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die Geduld riß, »und ich – ich – esse ihn doch auf.«
»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig sein.«
»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!«
»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu fliehen trachtete.
»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf, aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen, schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten und kreischten, – es war ein fürchterlicher Lärm.
»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen. Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er.
»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick später wäre er unter ihre Hufe gekommen.