Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer, und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen: »Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf: »Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.

Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte, klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute erstaunt die Buben und Mädel an, die da einherkamen. »Na, die sind doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie kommen zu uns!«

Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.«

»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem städtischen Klingeln!

Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen. Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor, verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub: »Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und – und –«

Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen lassen, zappelte immer hin und her und benahm sich recht wie ein kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. – »Das Huhn bringen wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.

»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.

»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch, daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen.

»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch. Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!«

»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.