»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt, stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«
Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas ihrer schnellen Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder, was wollt ihr denn eigentlich hier?«
»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war.
Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.
»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee.
»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf. »Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den Stadtleuten schon schmecken!«
»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind die Mundwinkel, »hm, fein!«
»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme, und – und – sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf, die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.
Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten, und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder, schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun Friedes Freundinnen und Freunde, – ob der Junge wohl auch so vergnügt hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund – –? Sie erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder.