»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher werden die Kinder hungrig sein.«
»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«
»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen, riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben.
Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange, lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr, und Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas! Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?«
Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen – so hatten die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben hatte! – –
Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, – die fünfte war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt. Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun bald aus der Schule?«
»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte.
In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte, wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte sie: »Der Friede – – ist – – er wohnt gar nicht bei mir, sondern im Nebenhaus.«