»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen. Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die gehören zu mir!«
»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die Oberheudorfer nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend, kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon.
Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.«
Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?« Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«
Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber Himmel, gleich fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen. Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der Professor empfing die Kinder so freundlich, als hätte er just an dem Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!«
Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich hab' se nich gekriegt!«
»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.«
Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles, auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.
Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen, da Friede an diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte. Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen, Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese Augen alle.
»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles kaput ist?«