Jetzt brach auch Heine Peterle, der sich bis dahin sehr männlich und tapfer bewiesen hatte, in ein lautes Geheul aus, und dies Geschrei hörten die wenigen Menschen, die gerade über den Johannesplan gingen. »Im Spiegelhaus ist was passiert,« rief eine Frau und rannte geschwind nach dem Hause hin. Einige andere folgten, und zu Friedes Entsetzen kamen auch etliche Grünmützen dazu. »Natürlich wieder was mit den Oberheudorfern los,« höhnte der eine. Es war der lange Junge, der Friede schon oft geneckt hatte; er wohnte am Plan, darum war er bei allem, was geschah, dabei.
»Ich glaube, es ist am besten, Sie fahren heim,« riet der Schutzmann Friede Hopserling. »Wir werden die Knaben suchen, sie werden sich schon finden.«
»Ich bleibe hier, ich suche mit,« schrie Heine Peterle, und »Ich auch, ich auch,« schluchzten die Mädel.
»Ich weiß was,« sagte da plötzlich ein feines Stimmchen. Marianne Sonntag drängte sich durch die Leute und betrachtete mitleidig die weinenden Oberheudorfer. »Weint nicht,« tröstete sie, und dann erzählte sie flink, daß zwei Buben Sonntags Dienstmädchen nach dem Weg nach Oberheudorf gefragt hätten.
»Das sind sie, das sind sie,« riefen die Oberheudorfer alle, als Marianne sagte: »Einer hatte ein blaues Halstuch, der andere ein rotes.«
»Die haben 'ne Dummheit gemacht,« brummelte Friede Hopserling leise vor sich hin. »Steigt auf, ihr drei, wir finden sie schon.«
»Die haben sicher etwas begangen, darum sind sie ausgerissen,« sagte auch der Schutzmann und sah die andern Kinder scharf an, daß sie mit einer ungeheuren Eile auf den Wagen kletterten. Frau Emma konnte ihnen kaum noch ihre roten Eßbündel hineinwerfen, so rasch fuhr der Friede davon. »Halt, warten Sie einmal!« wollte der Schutzmann rufen, aber da rasselte der Wagen schon in die Rosengasse hinein.
Dem Friede war das Herz sehr schwer. Die Angst um die Gefährten, der Abschied, alles bedrückte ihn. Am liebsten wäre er mit nach Oberheudorf gefahren, und als der Wagen in der Rosengasse verschwand, da war es ihm, als müßte er schreien: »Nimm mich mit, Friede Hopserling, nimm mich mit!« Er biß aber die Lippen zusammen und lief in das Haus hinein.
»Nun läuft er fort und sagt gar nichts,« murrte Marianne Sonntag. »Dieser Friede ist wirklich ein Grobian, Ulli hat recht.« Sie ahnte nicht, daß der Geschmähte in diesem Augenblick in einem Gartenwinkel saß und bitterlich weinte. Ach, überall war er fremd!
Im Spiegelhaus waren sie freilich alle gut zu ihm; er hatte aber doch immer das Gefühl: »Hier gehöre ich nicht hin.« Der Professor würde ihn nicht vermissen, wenn er fortging; ein paar Wochen wollte er ihn ja überhaupt nur behalten. In der Schule mochte auch wohl niemand den Friede Pfennig leiden, und morgen spotteten sie gewiß wieder über seinen Dorfbesuch. Und dann würde er sich gar wieder schämen wie heute, und daß er es getan hatte, quälte ihn so sehr; wie eine Last lag es auf seinem Herzen. So abscheulich kam er sich vor, weil er immer gedacht hatte: »Wären die Freunde doch nicht gekommen!« Was wohl Muhme Lenelies dazu sagen würde? Und was dazu, daß er so schlecht auf seine Freunde aufgepaßt hatte? Vielleicht – – – – hatte sie ihn dann auch nicht mehr lieb?