Die andern Kinder sagten an diesem Tage: »Vielleicht gibt es bald schulfrei, vielleicht schon morgen;« aber sie merkten es dann auch, wie falsch sie gedacht hatten. Kein Wunder war es, denn selbst die Erwachsenen dachten an diesem Tage immer etwas Verkehrtes. So dachte die Hausfrau in der himmelblauen Ente: »Heute wird mein Kuchen aber gut geraten,« und dann verbrannte der Kuchen und wurde pechschwarz. Und Schnipfelbauers Kathrine sagte: »Frau, ich denke, heute kriechen unsere ersten Hühnchen aus.« Aber denen fiel das gar nicht ein, sie blieben noch zwei Tage in ihren Eierschalen sitzen.
Auch Muhme Lenelies dachte etwas, das nicht in Erfüllung ging. Sie meinte, die Kinder würden ihr viele schöne Dinge von ihrem Friede erzählen. Was die fünf aber berichteten, klang der alten Frau so seltsam, daß ihr das Herz darüber schwer wurde. Und weil es mit dem Abschied in der Stadt so flink gegangen war, konnten ihr die Stadtfahrer nicht einmal Grüße ausrichten. »Nä, Grüße hat Friede nicht gesagt,« versicherte Heine Peterle, und Annchen Amsee wußte auch nichts von Grüßen. »Er hat gesagt, er käme am liebsten wieder nach Oberheudorf,« flüsterte Mariandel.
Dies Wort vermehrte nur noch die Sorgen der guten Muhme, und sie seufzte tief darüber, weil der Weg in die Stadt gar so weit und das Gehen ihr jetzt so beschwerlich fiel. Wie mochte es nur ihrem Friede gehen? Stimmte das wirklich alles so, wie es die Kinder erzählten, daß ihn das Fräulein Wunderlich aus dem Hause geworfen hatte und die Schulkameraden ihn nicht leiden konnten? Die Gedanken der guten Muhme liefen so geschwind nach Feldburg wie keine Buben- oder Mädelbeine jemals laufen können, und in Feldburg liefen diese Gedanken immer um Friede herum; der merkte aber nichts davon. Er ging wie alle Tage um die Kirche herum ins Gymnasium und war dort froh, als endlich die Stunden begannen, denn laut und leise rief es hinter ihm und neben ihm: »Friede Pfennig, wie geht's den Oberheudorfern?« »Friede Pfennig, fährst du auch auf dem Mehlwagen spazieren?« »Hör du mal, in Oberheudorf sind die Leute wohl neunmalklug?«
»Na wartet nur,« dachte Friede trotzig, »ich will's euch schon zeigen, daß die Oberheudorfer nicht auf den Kopf gefallen sind.« Er konnte das auch gleich an diesem Morgen zeigen. Der Lehrer fragte ihn in der Geschichtsstunde allerlei, und Friede konnte klug und sicher Antwort geben, ja er wußte noch mehr zu sagen als der Klassenerste.
»Ei, du weißt ja sehr gut Bescheid,« sagte Doktor Schneider freundlich.
Weil der sonst nicht viel lobte, machte dies Lob auch großen Eindruck, und die Klassengenossen schauten den Oberheudorfer Buben auf einmal ordentlich verwundert an. So viel wußte der? Manch einer wünschte sich da heimlich: »Ach, wäre ich doch so klug!« und darüber wagte er es dann nicht, den Oberheudorfer Buben zu verhöhnen.
Trotzdem lief Friede nachher wieder allein aus der Schule nach dem Spiegelhaus, wieder um die Kirche herum. Er ahnte nicht, daß Fräulein Wunderlich am Fenster saß und dachte: »Heute wird der Friede wohl zu mir hereinkommen, weil ich gestern so nett zu seinen Freunden war.«
Damit hatte sie aber auch etwas Verkehrtes gedacht, denn Friede kam der Besuch gar nicht in den Sinn, und Fräulein Wunderlich verlor darüber wieder ihre gute Laune, wurde brummig und verdrießlich und schalt im Hause herum. Sie gehörte eben auch zu den Menschen die meinen, eine einzige Freundlichkeit muß gleich Liebe erwecken.
An diesem Nachmittag sagte Frau Emma, die Hausbesorgerin: »Geh, Friede, besorg' mir einmal etwas in der Stadt, du tätest mir damit einen großen Gefallen.«
Sie brauchte wirklich nicht lange zu bitten, Friede war gleich bereit, und die Frau dachte: »Er ist doch ein gefälliger, lieber Junge.« Damit hatte sie nun wirklich etwas Rechtes und nichts Verkehrtes gedacht. Friede tat gern jemand einen Gefallen, und er lief auch gar eilig in die beiden Geschäfte, in denen er allerlei bestellen sollte. Der zweite Laden war jener, in dem er am Tage vorher mit seinen Gefährten zuerst gewesen war, und etwas bänglich betrat er das Geschäft. Die Verkäuferin erkannte ihn auch gleich wieder und rief ärgerlich: »Na, du hast aber ungezogene Freunde! Was waren denn das für abscheuliche Bengel, die hier so gepfiffen haben?«