»Friede,« schrie Marianne ihm nach, und dann schalt sie ärgerlich auf den Bruder und Freund: »Pfui, warum seid ihr denn so abscheulich zu Friede? Gerade war er so nett und wollte mit eure Mützen angeln.«

»Was?« rief Jobst erstaunt, »was wollte er tun?«

»Den geht meine Mütze gar nichts an,« brummte Ulli.

Mit ein paar guten Worten hätte Füchslein nun schnell alles erklären können, und sie hätte auch die Buben dazu gebracht, den Schulgenossen wieder zurückzuholen, doch sie war wie eine kleine Rakete. Puff, puff, ging es bei ihr gleich immer oben hinaus. Hinterher tat es ihr freilich bitter leid, aber dann wurde manchmal nicht so rasch glatt und gut, was ihr Ungestüm verfahren hatte. So ging es auch heute. Marianne schalt ein paar Minuten heftig auf die Buben ein, und die gaben ihr die unguten Worte reichlich zurück, Jobst laut und heftig, Ulli mit Brummen und Knurren. Es schallte gar nicht lieblich durch den Garten, bis sie auf einmal vor Wut und Ärger alle drei davonrannten, eines hierhin, das andere dahin. Im Winkel eines Gartenhauses heulte sich dann Marianne zurecht, wie die Mutter es nannte. Als sie das getan, lief sie in den Garten zurück und suchte versöhnungsbereit Jobst und Ulli, aber die waren weg und blieben weg. Da ging die Kleine mit kummerbeschwertem Herzelein zur Mutter, die an ihrem Nähtisch saß, erzählte der die ganze Geschichte und klagte sich dann selbst an: »Und ich dachte, nun würde alles gut werden.«

»Ja, mein Mädel, man denkt eben manchmal verkehrt herum,« sagte die Mutter, »und das Friedenstiften will sacht und leise angefaßt werden. Wenn du so wild und ungestüm auf deiner Geige spielen wolltest, kämen auch keine lieblichen Töne heraus, und mit Menschenherzen muß man ebenso zart umgehen.«

Marianne Sonntag nahm erst den rechten, dann den linken Zopf in den Mund, dann seufzte sie, und nach diesen Vorbereitungen sagte sie betrübt: »Ich will auf der Geige üben.«

»Tu es,« riet die Mutter und nickte ihrem Mädel zu. Sie lauschte dann dem Spiel der Kleinen, das klang erst gar nicht melodisch, aber nach und nach wurde es reiner, zarter. Dann klappte eine Tür, das Spiel brach jäh ab, nun flüsterten und tuschelten im Nebenzimmer zwei Stimmen, und plötzlich riß das Füchslein die Türe auf und rief: »Mutterle, wir vertragen uns wieder, und Ulli will auch nett zum Friede sein.«

Frau Sonntag hörte den guten Vorsatz, hörte ihre Kinder von Versöhnung reden, und sie freute sich darüber. Aber Friede wußte nichts davon. Traurig lief der durch allerlei Straßen, und wie er so ziel- und zwecklos dahin rannte, kam es ihm auf einmal in den Sinn: »Es wäre am besten, ich liefe nach Oberheudorf zurück.«

Er blieb unwillkürlich stehen. Der Gedanke an die Heimat erfaßte ihn mit solcher Gewalt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Ganz deutlich sah er das Haus von Muhme Lenelies, die Muhme selbst, die Dorfstraße, seine Gefährten, alles vor sich, und da fing er auch schon an zu laufen. Ich muß heim, gleich, dachte er, ich muß die Muhme sehen, ihr alles sagen, ich will wieder dort bleiben. Er kannte den Weg schon besser als Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz. Dort um jene Ecke mußte er gehen; nun kam die Straße, an deren Ende er schon grüne Saaten schimmern sah; da war er im Freien, war auf dem rechten Weg zur Heimat.

Aber allzu weit kam er nicht. Ein Wäglein kam angerollt. Er sah es erst, als es dicht vor ihm war; da sprang er zur Seite. In dem Wagen saß ein einzelner Herr, der sich scheltend herausbeugte: »Na, was ist denn das für eine Sitte, so toll auf der Straße herumzulaufen!«