Friede stutzte und blieb erschrocken stehen. Den Herrn kannte er, das war ja Doktor Treumann, zu dem er einst an einem stürmischen Wintertag gerannt war, um eine Medizin für Muhme Lenelies zu holen. Auch der Arzt hatte den Buben erkannt. »He, du,« rief er, »bist du nicht der Friede aus Oberheudorf, nach dem mich meiner Schwester Kinder schon halb entzweigefragt haben? Komm einmal her, wir zwei kennen uns doch, du bist ja mein kleiner Held.«

Friede trat verlegen an den Wagen heran, und der Arzt prüfte mit klugen, ernsten Augen sein Gesicht. Holla, da stimmt etwas nicht. Er merkte es gleich und fragte laut: »Läufst wohl spazieren, was?«

Der Bube nickte nur befangen, er stand mit gesenktem Kopf da und wagte es gar nicht aufzuschauen. Einen kleinen Helden hatte ihn Doktor Treumann eben genannt, das war er doch nicht, er, der eben hatte feige ausreißen wollen.

»Na, sieh mich doch mal an, mein Junge!« sagte da der Arzt gemütlich. »Straßenstaub und Steine kannst du ja noch oft sehen, aber mich hast du doch noch nicht gesehen, solange du in der Stadt bist. War übrigens verreist, sonst hätte ich mich schon um dich gekümmert. Na, Kopf hoch! Ein tapferer Junge sieht jedem frei ins Gesicht.«

Friede schlug rasch die Augen zu dem Arzte auf. Er fühlte, der durchschaute ihn, ahnte, daß er nicht auf rechten Wegen ging. Stirn und Backen brannten ihm, er atmete tief, aber fest sagte er dann: »Ich wollte ausreißen, nach Oberheudorf zurück.«

»So, so!« Doktor Treumann war gar nicht überrascht, seine Augen blitzten, und seine Stimme klang scharf: »Bist du jetzt so einer geworden, der gleich das Hasenpanier ergreift? Hm, meinst wohl, die Muhme wird sich arg über dein Heimkommen freuen?«

Darauf gab Friede keine Antwort. Er schämte sich plötzlich unsäglich der eigenen Feigheit, und hastig drehte er sich um, lüftete höflich seine Mütze und begann wieder nach der Stadt zurückzulaufen.

Da rief ihm der Doktor nach: »Stadtwärts kannst du mitfahren. Komm, steig ein!«

Der Junge blieb zögernd stehen, er war unschlüssig, was er tun sollte. Mit dem Arzt zu fahren erschien ihm in diesem Augenblick gar nicht so vergnüglich, aber der streckte ihm jetzt die Hand entgegen und sagte in dem alten freundlichen Tone: »Du hast mir ja noch gar nicht die Hand gegeben, du Friede aus Oberheudorf. Komm, steig ein, wir erzählen uns was miteinander!«

Friede kletterte in das Wäglein und mußte sich neben den Arzt setzen, der so gemütlich zu plaudern begann, als wäre der kleine, blonde Dorfbube ihm ein herzlicher Freund. Und Friede taute auch bald auf und erzählte nun wieder treuherzig von seinen Kümmernissen. Nur seine letzte bittere Erfahrung verschwieg er. Doktor Treumann war ja Mariannes und Ulrichs Oheim, da wollte er nicht anklagen. »Ich hab' es mir ganz anders auf der Stadtschule gedacht,« schloß Friede seufzend seinen Bericht.