»Ja, ja, mein Junge, man denkt sich manchmal manches anders in der Welt,« tröstete der Arzt. »Ich dachte vorhin auch: Holla, der Friede aus Oberheudorf ist ja ein Feigling geworden! und dann habe ich gemerkt, daß ich falsch gedacht habe und du doch ein tapferer kleiner Kerl bist, und so einer kommt schon durch. So, und nun steig aus, da geht's zum Johannesplan hinauf. Grüße mir meinen alten Freund, den Professor, und dann, immer tapfer den Kopf oben behalten!«

Friede kletterte aus dem Wagen, grüßte und dankte. Jetzt brannte ihm wieder das Gesicht, aber diesmal vor Freude. Er nahm das gute Wort des Arztes mit in das stille Spiegelhaus, und an diesem Abend schrieb er den ersten Brief an Muhme Lenelies. Alles erzählte er darin, er schrieb aber auch, daß er tapfer sein und aushalten wolle. Und dieser Brief fiel nicht auf die Dorfstraße, er wurde auch nicht im Backofen verbrannt. Muhme Lenelies hob ihn gar sorgsam auf und las ihn so oft, bis sie ihn besser auswendig konnte als die Kinder in der Schule ihre Verse und Sprüche.

Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz hatten aber auch ihre unbändige Freude über den Brief, stand doch darin, daß sie nichts zerbrochen hatten. Seit sie das wußten, redeten sie noch kecker und hochmütiger von der Stadt und trillerten immerzu laut auf ihren Pfeifen, und alle Leute im Dorf sagten: »Wenn die Pfeifen nur erst kaput wären!« – –


Das Abenteuer im Schloß.

In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist das aber malerisch!«