Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten.

»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.«

Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie Schildwachen.

Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was hast du denn, Mädel?«

»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich war.

Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf, na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt, und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.«

Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu: »Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom – Vater.«

Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war?

»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.