»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff angstvoll nach seinem Rockschoß.
»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch –« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal.
»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den Pantoffeln gehen.«
»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden, sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!«
»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach, und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.
»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich die bunten Strümpfe sehr.
Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet. Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar vor ihr.
Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild: ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal, denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht, die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man wisse nichts von seinem Ende.
»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«
Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären.